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Im Wald der stummen Schreie

Im Wald der stummen Schreie

Titel: Im Wald der stummen Schreie
Autoren: Jean-Christophe Grange
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    Das war's. Genau das.
    Die Prada-Pumps, die sie in der Vogue vom letzten Monat entdeckt hatte. Die diskrete, entscheidende Note, die das Ensemble abrunden würde. Mit dem Kleid, das ihr vorschwebte – ein kleines Schwarzes, das sie supergünstig in der Rue du Dragon erstanden hatte. Ganz einfach schräg. Lächeln. Jeanne Korowa rekelte sich hinter ihrem Schreibtisch. Endlich hatte sie die passende Garderobe für den Abend beisammen. Sowohl was die Form als auch was den Geist anlangte.
    Sie überprüfte ihr Handy. Keine Nachricht. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, stärker noch als die bisherigen Male. Weshalb rief er nicht an? Es war schon nach vier. War es nicht zu spät, um die Verabredung zum Abendessen zu bestätigen?
    Sie wischte ihre Zweifel beiseite und rief bei der Prada-Boutique in der Avenue Montaigne an. Ob sie Schuhe in 39 hätten? Sie würde vor sieben vorbeischauen. Kurze Erleichterung, auf die sogleich eine neue Sorge folgte: Sie hatte ihr Konto bereits um 800 Euro überzogen. Nach diesem Einkauf würde sie mit mehr als 1300 Euro in der Kreide stehen.
    Aber heute war der 29. Mai. Ihr Gehalt würde in zwei Tagen überwiesen. 4 000 Euro. Kein Cent mehr, Prämien eingeschlossen. Den nächsten Monat würde sie also ein weiteres Mal mit einem Drittel weniger von ihrem Gehalt auskommen müssen. Sie war es gewohnt. Schon lange hatte sie ein gewisses Geschick darin, mit überzogenem Konto zu leben.
    Sie schloss die Augen. Sie sah sich in ihren Lackschuhen. Heute Abend würde sie eine andere sein. Nicht wiederzuerkennen. Strahlend. Unwiderstehlich. Der Rest war nur ein Kinderspiel. Annäherung. Versöhnung. Erneutes Auseinandergehen ...
    Aber wieso rief er nicht an? Dabei hatte er am Vorabend den Kontakt wiederaufgenommen. Zum hundertsten Mal öffnete sie an diesem Tag ihre Mailbox und checkte ihre E-Mails.
    »Die Worte lassen uns irgendetwas daherreden. Ich glaubte selbstverständlich keines davon. Wie wär's, morgen ein Abendessen zu zweit? Ich ruf dich an und hol dich am Gericht ab. Ich werde dein König sein, und du wirst meine Königin sein ...«
    Die letzten Wörter waren natürlich eine Anspielung auf Heroes , einen Song von David Bowie. Ein Sammlerstück, wo der Rockstar mehrere Strophen auf Französisch singt. Sie sah die Szene wieder vor sich – der Tag, an dem sie die Schallplatte in einem Spezialgeschäft im Pariser Hallenviertel entdeckt hatten. Die Freude in seinen Augen. Sein Lächeln ... In diesem Moment wünschte sie sich nichts weiter, als immer wieder dieses Leuchten in seinen Augen hervorrufen zu können oder es einfach nur zu bewahren. Wie die Vestalinnen im antiken Rom das heilige Feuer im Tempel hüten mussten.
    Das Telefon klingelte. Nicht ihr Handy. Das stationäre.
    »Hallo?«
    »Violet.«
    In einem Sekundenbruchteil schlüpfte Jeanne wieder in ihre offizielle Rolle.
    »Was haben wir in der Hand?«
    »Nichts.«
    »Hat er gestanden?«
    »Nein.«
    »Hat er sie nun vergewaltigt – ja oder nein?«
    »Er sagt, dass er sie nicht kennt.«
    »Ist sie denn nicht die Tochter seiner Geliebten?«
    »Er sagt, dass er die Mutter auch nicht kennt.«
    »Wir können doch leicht das Gegenteil beweisen, oder?«
    »In diesem Fall ist nichts leicht.«
    »Wie viele Stunden haben wir noch?«
    »Sechs. Also so gut wie nichts. In achtzehn Stunden hat er nicht einmal mit der Wimper gezuckt.«
    »Mist!«
    »Kannst du laut sagen. Ich werde ihn mir nochmals vorknöpfen und ihn etwas härter rannehmen. Aber wenn kein Wunder geschieht ...«
    Sie legte auf und wurde sich ihrer Gleichgültigkeit bewusst. Zwischen der Schwere der Vorwürfe in diesem Fall – Vergewaltigung und Körperverletzung bei einer Minderjährigen – und der Bagatelle, um die es in ihrem Privatleben ging – mit ihm zu Abend essen oder nicht –, klaffte ein Abgrund. Trotzdem konnte sie an nichts anderes denken als an ihre Verabredung.
    Auf der Nationalen Hochschule für das Richteramt hatte man ihnen gleich zu Beginn der Ausbildung eine Videosequenz gezeigt: Ein Täter wurde beim Begehen einer Straftat von einer Überwachungskamera gefilmt. Anschließend wurde jeder angehende Richter aufgefordert, zu erzählen, was er gesehen hatte. Jeder berichtete etwas anderes. Die Marke und die Farbe des aufgebrochenen Autos änderten sich. Die Zahl der Täter schwankte. Die Abfolge der Ereignisse war nie gleich. Die Lektion dieser Übung war klar: Es gibt keine objektive Wahrheit. Die Gerechtigkeit ist eine menschliche Angelegenheit.

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