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Ich soll nicht töten

Ich soll nicht töten

Titel: Ich soll nicht töten
Autoren: B Lyga
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gehabt.
    Wenn es der Originalteufel nicht gewesen sein konnte, wer kam dann am ehesten infrage? Sein Sohn natürlich. Hätte Jazz nicht mit Sicherheit gewusst, dass er nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte, er hätte selbst mit dem Finger auf sich gezeigt. Es klang absolut einleuchtend, dass der Sohn des örtlichen Serienmörders jemanden tötete. Aber das machte den Gedanken nicht leichter erträglich.
    » D-das«, stammelte er, » war unter der Gürtellinie. Ich habe viel von Billy gelernt, und ich kann es dazu benutzen…«
    » Du drückst dich an einem Tatort herum und spionierst mir und meinen Leuten nach. Du marschierst in mein Büro und verletzt meine Privatsphäre, indem du meine persönlichen Aufzeichnungen liest«, sagte G. William und zählte die Punkte an den Fingern ab. Jazz konnte nicht umhin, an den abgetrennten Finger in dem jungfräulichen Plastikbeutel zu denken. » Ich könnte dich wahrscheinlich unter irgendeinem Vorwurf verhaften, wenn ich Lust hätte, fünf Minuten darüber nachzudenken. Zu verlangen, dass ich dich in einen Fall einweihe, was höchst unangemessen wäre, selbst wenn du älter und nicht der Junge von Billy Dent wärst…« Er kam mit dem Zählen nicht mehr nach– seine ganze rechte Hand war gespreizt. » Alle diese Gründe und noch viel mehr sprechen dafür, dass ich dich nicht helfen lasse.«
    » Ach, kommen Sie! Sie ziehen ständig Experten hin…«
    » Bist du jetzt plötzlich ein Experte?«
    » Ich weiß gewisse Dinge«, sagte Jazz mit seiner kräftigsten Stimme.
    » Du weißt zu viel und doch nicht genug«, sagte der Sheriff so leise, dass es Jazz auf dem falschen Fuß erwischte.
    » Wie meinen Sie das?«
    » Ich meine«, G. William holte tief Luft, » du hast viel von ihm gelernt, aber du solltest vorsichtig sein, dass du dich nicht zu sehr wie dein Daddy benimmst, findest du nicht?«
    Jazz funkelte ihn zornig an, dann fuhr er herum, stampfte aus dem Büro und schlug die Tür hinter sich zu.
    » Lass es mich auf meine Art machen!«, rief G. William durch die geschlossene Tür. » Es ist mein Job. Dein Job ist es, möglichst normal zu sein.«
    » Äh, Jasper«, sagte Lana nervös, als er an ihrem Schreibtisch vorbeibrauste. » Äh… Auf Wiedersehen?«
    Er nahm gar nicht wahr, dass er sie nicht beachtet hatte, bis er wutschnaubend vor seinem Jeep stand. Er trat mit dem Fuß gegen die Stoßstange, die sich mit einem metallischen Knirschen beschwerte und abzufallen drohte.
    Ich werde dir zeigen, was ich von meinem Vater gelernt habe, dachte er.

3
    Immer wenn Jazz etwas Riskantes oder rechtlich nicht ganz Astreines unternahm, nahm er Howie mit. Damit machte er sich bei Howies Eltern zwar nicht eben beliebt, aber es war notwendig, wenn Jazz möglichst menschlich bleiben wollte. Howie sorgte dafür, dass sich Jazz nicht zu weit von Sicherheit und Legalität entfernte. Das kam daher, weil Howie Jazz’ bester– und einziger– Freund war. Und auch weil Howie so zerbrechlich war, dass sich Jazz in seiner Gegenwart zurückhalten musste.
    Howie Gersten war ein Bluter Typ A, was bedeutete, dass er blutete, wenn man ihn zu scharf ansah. Die beiden hatten sich vor Jahren kennengelernt, als Jazz dazugekommen war, wie Howie von einem Trio älterer Jungs gequält wurde. Sie waren nicht ganz so bescheuert gewesen, ernsthaften Schaden anzurichten, aber sie hatten sich damit amüsiert, an Howies nackte Arme zu schlagen, wo sofort gewaltige Blutergüsse entstanden. Seine Arme hatten ein beinahe eidechsenartiges Aussehen angenommen, mit sich überlappenden blauen und purpurnen Flecken, die wie Schuppen aussahen.
    Jazz war kleiner und jünger als die anderen Kinder gewesen, und sie waren drei zu eins in der Überzahl, aber Jazz hatte schon damals– im Alter von zehn Jahren– rudimentäre Kenntnisse von den wichtigeren Schwachstellen des menschlichen Körpers besessen. Die älteren Kinder waren ihrerseits mit einer netten Sammlung blauer Flecke und geschwollener Lippen abgezogen sowie mit einem anständig verstauchten Knie, das dem Jungen monatelang zu schaffen machen würde. Jazz hatten seine Bemühungen eine blutige Nase eingebracht und eine unvergängliche, rückhaltlose Freundschaft.
    Die Sorte Freund, die mitkam, wenn man in ein Leichenschauhaus einbrechen musste.
    Die Polizeistation war durchgehend geöffnet, da sie ein Nervenzentrum der polizeilichen Präsenz im County war. Aber jetzt in der Nacht, viele Stunden nach Jazz’ wutschnaubendem Abgang, war nur eine Rumpfmannschaft im

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