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Ich soll nicht töten

Ich soll nicht töten

Titel: Ich soll nicht töten
Autoren: B Lyga
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Horrorszenen.
    Für ihn war es eine akademische Übung, sich vorzustellen, wie er diesen Finger abtrennte, wie eine Rechenaufgabe in der Schule. Es würde nicht viel Kraft erfordern. Eine leichte Trophäe. Was sagte das über den Täter aus? Bedeutete es, dass er schwach und ängstlich war? Oder bedeutete es, er war selbstbewusst und wusste, dass man am besten etwas nahm, das schnell ging?
    Wenn G. William die Gedanken kennen würde, die Jazz unaufgefordert in den Sinn kamen, er würde…
    » Lassen Sie mich helfen«, bettelte Jazz. » Um meinetwillen.«
    » Geh nach Hause, Jazz. Tote Frau in einem Feld. Tragisch, aber nichts weiter.«
    » Aber die Finger! Kommen Sie. Das ist keine Frau, die nachts nackt da draußen herumgetorkelt ist und sich den Kopf angeschlagen hat. Da war kein betrunkenes Arschloch am Werk, das seine Freundin verprügelt und sie dann einfach liegen lassen hat.«
    » Wir hatten bereits einen Serienmörder in dieser Stadt. Wäre doch ein Wahnsinnszufall, wenn es noch einen gäbe, meinst du nicht?«
    Jazz gab nicht nach. » Man schätzt, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt dreißig bis vierzig Serienkiller in den Vereinigten Staaten aktiv sind.«
    » Ich denke«, sagte G. William und seufzte, » ich habe eine Menge Arbeit vor mir, und du bist mir keine Hilfe. Wir werden das Rätsel dieser Leiche lösen, zusammen mit dem anderen üblichen Kram, mit dem wir es hier zu tun haben.« Er machte Jazz ein Zeichen zu gehen.
    » Aber Sie behandeln die Sache doch zumindest als meldepflichtigen Todesfall, oder?«
    » Selbstverständlich. Der amtliche Leichenbeschauer kommt gleich morgen früh zu einer vollständigen Autopsie, aber Dr. Garvin untersucht heute schon. Eine Frau ist tot, Jazz. Ich nehme das sehr ernst.«
    » Nicht ernst genug, um mit der Pinzette über den Fundort zu gehen. Oder die Vegetation zu stutzen, um nach Hinweisen zu suchen. Oder…«
    G. William verdrehte die Augen. » Jetzt mach mal halblang. Was glaubst du, wo wir hier sind? Welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen? Ich musste die Staatspolizei und die Deputys von drei Nachbarstädten zu Hilfe rufen, um diesem Fundort einigermaßen gerecht zu werden.«
    » Sie sollten nach Insekten und Erdproben suchen, und ich habe niemanden gesehen, der Abdrücke von Fußspuren gießt, und…«
    » Es gab keine Fußspuren«, sagte G. William verärgert. » Und was das andere Zeug angeht… Wir müssen uns wegen forensischer Zahnheilkunde, wegen Botanik, Anthropologie und Insektenkunde an Stellen des Bundesstaates wenden. Wir sind eine Kleinstadt in einem kleinen Verwaltungsbezirk. Hör auf, uns mit den Großen zu vergleichen. Wir kriegen die Sache schon hin.«
    » Nicht, wenn Sie gar nicht wissen, was Sache ist.«
    » Ein Serienkiller…«, sagte G. William, und Skepsis troff aus jeder Silbe.
    » Wie haben Sie die Leiche gefunden?«, fragte Jazz, der verzweifelt nach etwas suchte, was seine Ansicht bestätigte. » Sie werden da draußen nicht darüber gestolpert sein. Gab es einen anonymen Anruf? Wenn ja, dann ist es hundertprozentig ein Serienmörder, der sicherstellen will, dass Sie sein Werk sehen. Das wissen Sie, oder?«
    Er war zu weit gegangen– G. William konnte einiges an Beschimpfung einstecken, aber Herablassung vertrug er nicht. » Ja, Jazz. Ich weiß das. Und ich weiß auch, dass sich Serienmörder gern in der Nähe des Tatorts herumtreiben und die Arbeit der Polizei beobachten.«
    Die Worte trafen Jazz mit einer schmerzlichen Wucht, als hätte G. William seinen Dienstrevolver gezogen und ihm zwei Kugeln verpasst. Jazz fürchtete zwei Dinge auf der Welt, und nur diese zwei Dinge: Das eine war, dass die Leute glauben könnten, er sei durch Veranlagung, Erziehung und Schicksal dazu verflucht, ein Serienmörder wie sein Vater zu werden.
    Das zweite war… dass sie recht hatten.
    Und wer wollte es ihnen nach der Entdeckung dieser neuen Leiche verübeln? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei verschiedene Serienmörder eine winzige Stadt wie Lobo’s Nod aussuchten, war so winzig klein, dass man die Möglichkeit nicht ernsthaft in Betracht ziehen konnte. Billy Dent war eingesperrt. Zweiunddreißig Mal lebenslänglich. Man witzelte in der Stadt, dass er frühestens fünf Jahre nach seinem Tod für eine Begnadigung infrage kam. Seitdem er in das Gefängnis eingeliefert worden war, verbrachte er dreiundzwanzig Stunden am Tag in einer zwei auf drei Meter großen Betonzelle und hatte in der ganzen Zeit keine Besucher außer seinem Anwalt

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