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Ich soll nicht töten

Ich soll nicht töten

Titel: Ich soll nicht töten
Autoren: B Lyga
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wiederkehrenden Schimpfkanonaden seiner Großmutter– die in letzter Zeit schlimmer und häufiger wurden– verschlossen, als der Polizeifunk-Scanner nüchtern einen Code Zwo-zwo-dreizehn verkündet hatte: einen Leichenfund. Jazz hatte sich seinen Rucksack geschnappt– der bereits mit allem gepackt war, was er für eine Überwachungsaktion brauchte– und war an der Regenrinne vor seinem Fenster hinuntergeklettert. Sinnlos, Gramma im Flur über den Weg zu laufen und von ihrem Wüten aufgehalten zu werden.
    Eine Leiche war nichts Neues in Lobo’s Nod. Die letzten Leichenfunde hatten Jazz’ Leben auf den Kopf gestellt, und es war bis jetzt nicht wieder in Ordnung gekommen. Obwohl seither Jahre vergangen waren und alle Leute diese Zeit verdrängten, gab es Augenblicke, in denen Jazz fürchtete, sein Leben würde nie mehr vom Kopf auf die Beine kommen.
    Während sich die Polizisten um G. William drängten, konzentrierte sich Jazz wieder auf die Leiche. Soweit er aus dieser Entfernung feststellen konnte, gab es keine ernsthaften Verletzungsspuren– keine erkennbaren Wunden von einem Messer oder einer Kugel etwa. Jedenfalls fiel ihm nichts auf, aber er hatte auch nicht gerade die beste Sicht.
    Zwei Dinge waren einigermaßen sicher: Es handelte sich um eine Frau, und sie war nackt. Nackt ergab einen Sinn. Nackte Leichen waren schwerer zu identifizieren. Kleidung verriet alles Mögliche über ein Opfer, und sobald man ein Opfer identifiziert hatte, war man der Antwort auf die Frage, wer es zum Opfer gemacht hatte, einen Schritt näher gekommen.
    Alles, was sie aufhält – und sei es nur ein paar Minuten lang –, ist gut, Jasper. Sie müssen hübsch langsam vorankommen. Langsam wie eine Schildkröte. Langsam wie Ketchup.
    Durch das Fernglas beobachtete er, wie sich G. William mit einem karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte. Jazz wusste, dass die verstorbene Frau des Sheriffs irgendwann » GWT « in das Taschentuch gestickt hatte. G. William besaß ein Dutzend von den Schnäuzhadern, alle sorgfältig gewaschen und gepflegt. Er war der einzige Mann in der Stadt– wahrscheinlich der einzige Mann weltweit–, der seine Taschentücher in die chemische Reinigung brachte.
    Der Sheriff war ein anständiger Kerl. Er wirkte wie eine Art Parodie seiner selbst, wenn man ihn kennenlernte, aber hinter der Wampe und dem schlaffen, spülwasserfarbenen Schnauzbart steckte ein polizeiliches Genie, wie Jazz aus persönlicher Erfahrung wusste. Tanner leitete von seinem Büro in Lobo’s Nod aus die gesamte lokale Polizeiarbeit im County und hatte sich nicht nur dort, sondern im ganzen Bundesstaat Respekt verschafft. Die Staatspolizei schickte schließlich nicht jedem einen Mann, der ein Feld auf Video aufnahm. Tanner hatte Einfluss.
    Jazz schwenkte sein Fernglas ein wenig und erhaschte einen Blick auf den Beweismittelbeutel, den G. William ins Sonnenlicht hielt. Für einen Moment blieb ihm schier das Herz stehen, und er war überzeugt, er müsse sich getäuscht haben. Aber der Sheriff stand so, dass Jazz eine ungetrübte, vom Fernglas vergrößerte Sicht auf den Inhalt der Tüte hatte.
    Und das ließ sein Herz so heftig hämmern, dass er glaubte, Tanner müsste es hören. Eine Leiche in einem Feld war eine Sache. So etwas kam vor. Eine Herumtreiberin. Eine Ausreißerin. Was auch immer. Aber das … Das deutete auf etwas anderes hin, auf eine große Sache. Und Jazz hatte das entmutigende Gefühl, dass anklagende Blicke auf ihn fallen würden. War ja nur eine Frage der Zeit, würde es heißen. Das musste früher oder später passieren.
    Deshalb begann er, über mögliche Alibis nachzudenken. Dem relativ ursprünglichen Zustand der Leiche nach war die Frau vermutlich irgendwann in den letzten sechs Stunden getötet worden… und er war die ganze Nacht im Bett gewesen… Und außer Gramma war sonst niemand im Haus. Nicht eben die zuverlässigste Zeugin.
    Connie. Connie würde notfalls für ihn lügen.
    Der Gedanke huschte ihm kurz durch den Kopf, wurde jedoch beinahe augenblicklich vom Geräusch eines Fahrzeugs unterbrochen, das die Steigung herauftuckerte.
    Das Feld war nicht vollkommen eben. Während es am Fundort der Leiche flach war, fiel es rund hundert Meter entfernt im Süden leicht ab und stieg in der vielleicht doppelten Entfernung im Norden noch etwas steiler an. Das Fahrzeug, das die Straße von Süden heraufkam, war ein verbeulter Ford-Kombi aus der Zeit, als man noch Blei ins Benzin mischte. AMTLICHER

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