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Grosser Auftritt fuer Sally

Grosser Auftritt fuer Sally

Titel: Grosser Auftritt fuer Sally
Autoren: Margot Berger
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1. Kapitel
    Was will der Unbekannte?

    »Spielst du wieder den Stallfrosch vom Dienst?«
    Leicht genervt ließ Reitlehrer Kai Jensen seine Haarschneidemaschine sinken. Seit zehn Minuten versuchte er vergeblich, die Stehmähne seines neuen Fjordpferdes zu stutzen.
    Kalle, das hellbraune Pony mit den lustigen Augen, ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht zum Haareschneiden aufgelegt war. Sobald das Brummen der Schermaschine näher kam, schoss Kalle nach vorn. Oder er hopste geschickt zur Seite. Beim Hüpfen hatte das Pony wirklich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Frosch. Nur dass Kalle nicht grün war, sondern gelbbraun. Und ungefähr dreißigmal größer als ein Frosch.
    »Conny, Jule, steckt ihr irgendwo?«
    Kai Jensen spähte die Stallgasse hinauf, in der er das übermütige Pferd angebunden hatte. Die beiden zwölfjährigen Mädchen halfen in jeder freien Minute auf seinem Reiterhof, sicher machten sie sich gerade in einer Ecke des Stalls nützlich.
    Ein weizenblonder und ein kastanienroter Kopf tauchten in der Sattelkammertür auf.
    »Bringt doch mal den Hocker her«, rief der Stallbesitzer den Mädchen zu. »Den grauen, mit den zwei Stufen.« Conny nickte.
    »Ich könnte Kalle jede Minute abküssen«, sagte sie grinsend, während sie den niedrigen Hocker unter den Arm klemmte und mit ihrer Freundin zu Herrn Jensen schlenderte. »Seit wir ihn haben, ist mein Rocky endlich nicht mehr allein der Stallclown.«
    Schwungvoll setzte sie den Treppenhocker neben Kalle ab. Verärgert trat das Fjordpferd einen Schritt rückwärts und musterte die beiden Stufen. Kalle wusste, wann er verloren hatte. Kai Jensen stieg auf den Hocker, während die beiden Reitermädchen das Pony am Halfter festhielten. Von oben war das Scheren ein Kinderspiel.
    »Trag es wie ein Mann, Kalle«, tröstete Jule ihn. »Guck mal, wie schick dein Bruder Ole schon aussieht.«
    Ole, das andere neue Fjordpferd auf dem Reiterhof Birkenhain, hatte seinen Friseurtermin vorhin geduldig über sich ergehen lassen. Kalle gab so etwas wie einen Seufzer von sich und stellte seine Hüpfaktion ein. Gleichmäßig surrte der Haarschneider jetzt über die dicke Mähne. »Guckt euch gut an, wie es gemacht wird«, schärfte Herr Jensen den Mädchen ein, »nächstes Mal müsst ihr das übernehmen. Ich habe keine Nerven für diesen Zappelphilipp.«
    Obwohl Kai Jensen auf seine Friseurarbeit konzentriert war, sah er aus den Augenwinkeln einen Unbekannten in die Stallgasse einbiegen.
    »Kennt ihr den da hinten?«
    Mit dem Kinn deutete Kai Jensen auf den schlaksigen jungen Mann, der neugierige Blicke in jede Box warf. »Keine Ahnung«, sagte Conny.
    »Nie gesehen«, ergänzte Jule und strich sich eine dunkelrote Haarlocke aus der Stirn.
    Inzwischen hatte der Mann die Fjordpferde-Mannschaft erreicht. »Ich heiße . . .«, stellte er sich vor, aber der Name ging im Surren der Maschine unter, »ich bin Location-scout.«
    »Ach«, sagte Herr Jensen und setzte die Maschine an den seitlichen, hellen Mähnenhaaren an.
    »Wissen Sie, was das ist?«, fragte der Mann betont langsam, als ob er mit einem begriffsstutzigen Menschen spräche.
    »Nein«, antwortete Herr Jensen wahrheitsgemäß. Seine Hände am Griff der Maschine zitterten leicht. Der Stallbesitzer war eigentlich gutmütig, aber sehr empfindlich, wenn jemand so überheblich mit ihm sprach. »Aber Sie werden mir sicher gleich erklären, was das ist, ein L-o-k-ä-ä-ä-s-c-h-n-s-k-a-u-t.«
    Aus Rache sprach er »Location-scout« hässlich und gedehnt aus. So wie man eigentlich nur Wörter wie »Som-merräude« oder »Gleichbeinlähme« ausspricht. Oder »Geometriearbeit«.
    16 Schulpferde streckten interessiert ihre Köpfe durch die Gitterstäbe. Der Ton ihres Chefs versprach Abwechslung. Sicher würde es gleich Ärger geben.
    »Ich arbeite für Film und Werbung«, fuhr der Locationscout unbekümmert fort. »In meiner Kartei sammle ich Fotos von Häusern, Landschaften und Tieren. Wenn ein Film gedreht wird, fragt man mich nach geeigneten Drehorten. Oder . . .«, er zeigte auf die Boxen, »oder nach Tieren. Pferde werden oft gebraucht.«
    Herr Jensen schob den jungen Mann sanft mit dem Ellenbogen zur Seite, als er vom Hocker stieg, um seinen Mähnenschnitt mit der Schere weiterzuführen.
    Conny und Jule hielten den Atem an und stießen sich in die Seite. Werbung! Fernsehen! Filme! Der Stall würde berühmt! Und sie mit den Pferden auf den Titelseiten der Zeitschriften. Hollywood rief . . . Warum schwieg Herr Jensen

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