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Grimm 1: Der eisige Hauch (German Edition)

Grimm 1: Der eisige Hauch (German Edition)

Titel: Grimm 1: Der eisige Hauch (German Edition)
Autoren: John Shirley
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schwand mit der Zeit, und das Charisma wurde zu Wahnsinn und Verzweiflung.
    Doch wenn die Legende stimmte, dann konnte Napoleon diese Münzen nutzen, um wieder an die Macht zu kommen, und sie würden ihm eine Unfehlbarkeit verleihen, durch die er die Alliierten bezwingen konnte. Da Kessler Agent von Erzherzog Karl war, musste er Napoleon Bonaparte gezwungenermaßen davon abbringen. Falls die Münzen echt waren, musste er sie in seinen Besitz bringen. Sie durften nicht in den Händen von Männern wie Denswoz oder Napoleon bleiben.
    Aber als sich Bonaparte wieder zu ihm umdrehte, legte er sie zurück.
    „Interessante Münzen“, meinte Kessler, der sehen wollte, wie Napoleon reagierte. „Griechisch, würde ich vermuten.“
    „Ja“, erwiderte der Kaiser schnippisch und nahm die Münzen rasch in die Hand. „Griechisch.“
    Direkt vor Lyons sahen sie sich in der verregneten Dämmerung einer Armee aus 6000 Mann gegenüber. Diese Streitmacht hatte den Befehl, die Armee des Kaisers zu zerstreuen oder zu zerstören.
    Ein Offizier der Royalisten stand Napoleon gegenüber und überragte den kleineren Mann, zitterte jedoch vor Furcht, während er auf Napoleons Antwort wartete. Alle Augen waren auf den Kaiser gerichtet, alle harrten seiner Antwort.
    Nur wenige Schritte rechts des Kaisers stand Kessler und rechnete damit, dass Napoleon seinen Männern zuerst den Rückzug befehlen würde, nur um ihnen danach den Angriffsbefehl zu erteilen. Aber Napoleon zögerte, musterte die Truppen des Gegners und sah den Männern, die ihm gegenüberstanden, in die Augen. Er schien zu schwanken …
    Dann musterte er seine eigene Streitmacht. Sie waren deutlich in der Unterzahl, seine tapferen Männer richteten ihre Waffen aber dennoch gegen die Royalisten. Napoleon raunte Colonel Mallet einen Befehl zu.
    „Sagt den Männern, sie sollen die Waffen senken.“
    Auf einmal trat Denswoz vor und flüsterte Napoleon etwas ins Ohr.
    Der Kaiser nickte, steckte die rechte Hand in die Manteltasche und zog die Münzen von Zakynthos hervor. Das tat er fast schon abwesend, als wolle er nur etwas in der Hand haben, während er über diese Angelegenheit nachdachte. Doch in dem Augenblick, in dem er die Münzen berührte, veränderte er sich. Die Veränderung war kaum merklich, für Kessler jedoch nicht zu übersehen, da er den Einfluss des Übernatürlichen spüren konnte.
    Napoleon schien ein wenig größer zu werden, als sich seine Finger um die Münzen schlossen. Er stand jetzt gerader, und seine eingesunkenen Augen wirkten plötzlich strahlender. Er hob den Kopf, und als er sich an die Umstehenden – an jeden einzelnen Mann – wandte, hatte seine Stimme die Wirkung einer abgefeuerten Kanone. Kessler kam es so vor, als würden Energiewellen von Napoleon ausgehen, Energien, die kein normaler Mensch sehen konnte …
    „Ich sehe viele Gesichter, die ich kenne, Männer, die früher an meiner Seite gekämpft haben!“, rief Napoleon. „Ich sehe die Gesichter tapferer Männer, die die Engländer von unseren Grenzen vertrieben haben!“ Er machte eine dramatische Pause und öffnete dann mit einer schwungvollen Bewegung seinen Mantel, sodass seine Weste zu sehen war. „Wenn irgendjemand hier auf seinen Kaiser schießen möchte,
dann möge er es jetzt tun
!“
    Die gegnerischen Truppen starrten ihn an.
    Dann griff einer der Soldaten nach oben, nahm die weiße Feder des Hauses Bourbon von seinem Hut und warf sie zu Boden. Dann zog er aus seinem Mantel die alte, fleckige Trikolore Napoleons hervor und steckte sie sich an den Hut.
    Alle Umstehenden jubelten, und weitere Männer entledigten sich der bourbonischen Abzeichen. Erst nur wenige, dann Hunderte, schon bald Tausende.
    Die Männer brüllten: „
Vive l’Emperor!
“ Und die 6000 Soldaten, die sich ihm entgegengestellt hatten, waren nun Teil von Napoleons Armee.
    Kessler sah Alberle Denswoz an und erblickte etwas, das nur er allein sehen konnte, er als einziger von mehreren Tausend Männern: Denswoz’ Gesicht veränderte sich und wurde zur fellbedeckten, wilden, hundeartigen Visage einer
Todesdogge
, der Schnauze eines grimmigen Hundes. Sie schien schnaubend ihren Triumph zu feiern …
    Rasch wandte Kessler den Blick ab und jubelte ebenso wie die Soldaten, während Napoleon seinen Hut schwenkte und in ihrer Loyalität badete.
    18. Juni 1815. Waterloo – die
morne plaine
– im Vereinigten Königreich der Niederlande.
    Der Boden war vom Regen aufgeweicht, aber es hatte sich an diesem Morgen aufgeklart,

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