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Grimm 1: Der eisige Hauch (German Edition)

Grimm 1: Der eisige Hauch (German Edition)

Titel: Grimm 1: Der eisige Hauch (German Edition)
Autoren: John Shirley
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hatte Kessler einen Blick auf die großen, seltsamen griechischen Münzen werfen können, die der Kaiser in seiner Manteltasche hatte und von Zeit zu Zeit hervorholte. Ihr uralter Glanz schien sich dann auf diese grau-blauen Augen zu übertragen …
    Wenn Kesslers Theorie stimmte, handelte es sich dabei um keine gewöhnlichen Münzen, sondern um merkwürdige und mächtige Artefakte, die vor Jahrhunderten auf einer griechischen Insel erschaffen worden waren. Sie waren durch viele Hände gegangen: Caligula hatte sie liebevoll gehegt, und selbst Nero hatte sie liebkost. Dann waren sie in China verschwunden und zuletzt in der Han-Dynastie gesehen worden. Falls sie wirklich wieder aufgetaucht waren und das dunkle
Wesen
sie dem Kaiser gegeben hatte, war es durchaus möglich, dass Kesslers eigentliche, geheime Aufgabe zum Scheitern verurteilt war.
    Der Steuermann wies die Seeleute an zu rudern, und sie machten sich bereit zum Anlegen, als sich Kaiser Napoleon Bonaparte an Colonel Mallet wandte.
    „Dort drüben befindet sich ein Olivenhain, Colonel“, sagte er. „Dort sollten wir unser Lager aufschlagen, bis alle an Land und marschbereit sind.“
    „Wie Ihr wünscht, mein Kaiser.“
    Auch wenn zu dieser Jahreszeit keine Oliven im Olivenhain zu finden waren, wirkte Napoleon zufrieden.
    „Das ist ein gutes Omen!“, meinte er, als er mit einem Olivenzweig in der Hand zu seinem Gefolge kam. „Die Olive ist ein Zeichen des Friedens.“
    Kessler stand neben dem Zelt des Kommandanten und aß einen Keks, als Bonaparte eintraf. Er schluckte das trockene Gebäck mühsam herunter.
    „So Gott will, ist dies tatsächlich ein Omen, mein Kaiser“, sagte er. „Frieden ist immer ein Segen.“
    „Ich werde keinen Schuss abgeben“, versicherte ihm Napoleon. „Nur, wenn es unbedingt erforderlich ist.“ Er drehte sich zu seinen Soldaten um. Mallet hatte die Grenadiere am Rand des Hains Aufstellung beziehen lassen. Über eintausend Männer wanderten dort ruhelos umher oder lehnten an Bäumen und unterhielten sich leise, während sie sich fragten, ob sie von königstreuen Truppen erschossen würden oder in Napoleons Armee aufsteigen konnten, falls er den Thron zurückeroberte.
    Seit Napoleons erster Ankündigung, zurückkehren zu wollen, hatte er geschworen, dass bei seiner Reise nach Paris kein Schuss abgefeuert werden würde. Die Bourbonen, die nun an der Macht waren, mussten ihren Armeen schon befehligen, den ersten Schuss abzugeben. Viele französische Soldaten würden sich jedoch weigern, auf Napoleon zu schießen. Möglicherweise vermutete der Kaiser auch, der unberechenbare Louis XVIII. würde befürchten, dass sich die Armee gegen ihn wandte, wenn er ihr befahl, ihren früheren Befehlshaber anzugreifen.
    Der Kaiser saß auf einem Feldstuhl, schlug eine Karte der Küste auf und runzelte die Stirn, als er mit dem Finger die Straßen nach Grenoble nachfuhr.
    „Wollt Ihr vorschlagen, dass wir auf indirektem Weg nach Paris reisen, mein Kaiser?“, fragte Kessler, der selbst über seine Verwegenheit staunte.
    Napoleon nickte kurz. „So ist es. Wenn wir unnötigen Konflikten aus dem Weg gehen wollen, dann müssen wir über die Bergstraßen reisen und den Garnisonen aus dem Weg gehen. Das wird länger dauern, aber so haben wir die Zeit, stärker zu werden.“
    Kessler war anwesend gewesen, als Napoleon Marschall Pons mitgeteilt hatte, er habe vor, aus dem Exil zurückzukehren, und ihm war bewusst, dass sich der Kaiser auf das Überraschungsmoment und einige Verwirrung verließ, die es ihm ermöglichen sollten, in Frankreich wieder die Macht zu übernehmen. „Sie werden erstaunt sein“, hatte Napoleon gesagt, „und Erstaunen lähmt.“ Während der erhofften Untätigkeit der Bourbonen würden die Franzosen hinter ihm stehen, glaubte Napoleon. Gut, ganz Frankreich war mit Napoleons übereifrigem Feldzug gegen Russland nicht einverstanden gewesen und zeigte sich entsetzt über den Verlust von 700.000 Mann, die in seinen Eroberungskriegen gefallen waren. Doch die armseligen Versuche der Bourbonen, die Wirtschaft in Frankreich wieder in Gang zu bringen, fruchteten nicht. Der Triumph der Revolution war der Öffentlichkeit noch zu gut im Gedächtnis, sodass die Rückkehr einer unbeliebten Monarchie eine bittere Pille darstellte.
    Joséphines Tod in Malmaison hatte Napoleon erschüttert. Obwohl sie geschieden waren, liebte er sie noch immer. An den beiden darauffolgenden Tagen weigerte er sich, seine Suite zu verlassen. Als er

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