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Gnade

Gnade

Titel: Gnade
Autoren: Linn Ullmann
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I
DAS FENSTER

    A ls ihm der junge Arzt nach einigem Hin und Her die neue Diagnose offenbarte und sich ein wenig halbherzig darüber ausließ, welche Behandlungsmethoden seiner Meinung nach angemessen wären, ohne jedoch zu verheimlichen, dass das Elend meinen Freund Johan Sletten am Ende das Leben kosten würde, schloss Johan die Augen und dachte an Mais Haare.
    Der Arzt war ein junger Mann mit hellen Haaren, der nichts dafür konnte, dass er große, veilchenblaue Augen hatte, die einer Frau viel besser zu Gesicht gestanden hätten. Er erwähnte den Tod mit keinem Wort. Das Wort, das er benutzte, war »alarmierend«.
    Â»Johan!«, sagte der Arzt und versuchte, den Blick des anderen einzufangen. »Bitte hören Sie mir zu.«
    Johan gefiel diese Verwendung des Vornamens nicht. Außerdem hatte die Stimme des Arztes etwas Schrilles. Es hörte sich an, als hätte er den Stimmbruch nie ganz hinter sich gebracht oder als wäre er als Kind womöglich von den Eltern kastriert worden, die sich eine Zukunft als Eunuch für ihn erhofft hatten, überlegte Johan, der das mit dem Vornamen und dem Nachnamen ansprechen wollte, vor allem im Hinblick auf den Altersunterschied. Der Arzt war jünger als Johans eigener Sohn, mit dem er seit acht Jahren nicht mehr
gesprochen hatte. Doch es ging nicht nur um die Erziehung, wenn er meinte, dass jüngere Menschen ältere Menschen nicht einfach mit dem Vornamen anreden sollten, nein, Johan hatte immer Wert darauf gelegt, eine gewisse Distanz zu wahren. Jegliche Form von Intimität zwischen Fremden – beispielsweise die Unart, sich in sozialen Situationen zu umarmen (oder vielleicht nicht wirklich zu umarmen, sondern lediglich flüchtig die Wange des anderen mit der eigenen zu berühren) – empfand er als unangenehm und im Grunde respektlos. Er zog es, wie gesagt, vor, dass man ihn, wenn man nicht mit ihm verheiratet war, Sletten nannte. Nicht Johan. Sondern Sletten. Und das wollte er dem Arzt gerne sagen, traute sich aber nicht, weil es ihm unklug vorkam, jetzt eine ungute Stimmung zwischen ihnen aufkommen zu lassen. Er wollte den Arzt nicht verärgern. Das könnte den Gesprächsverlauf beeinträchtigen. Der Arzt könnte auf die Idee verfallen, unaussprechliche Dinge über Johans Zustand zu sagen, einfach nur, weil er vergrätzt war und weil er sich nicht gerne über seine Erziehung belehren ließ.
    Â»Ich hatte mir etwas andere Ergebnisse erhofft«, fuhr der Arzt fort.
    Â»Hm«, sagte Johan und gönnte ihm ein Lächeln. »Ich fühle mich ja schon viel besser.«
    Â»Der Körper ist bisweilen tückisch«, flüsterte der Arzt, vielleicht etwas unsicher, ob die Formulierung »tückischer Körper« nicht ein wenig übertrieben war.

    Â»Hm«, sagte Johan noch einmal.
    Â»Ja, also«, sagte der Arzt und wandte sich seinem Computer zu, »wie ich bereits erwähnt habe, besteht ein gewisser Grund zur Sorge.«
    Dann folgte ein kurzer Monolog, in dem ihm der Arzt die Ergebnisse und ihre praktischen Konsequenzen darlegte, zum Beispiel, dass eine neue Behandlung notwendig wäre, möglicherweise sogar eine weitere Operation. Gleichzeitig versuchte Johan, der nur gelegentlich zu Wort kam, den Arzt davon zu überzeugen, dass er sich eigentlich besser fühlte, und könnten sie sich nicht wenigstens darauf einigen, dass dies ein gutes Zeichen wäre? Auch wenn der Körper, wie gesagt, tückisch sei. Doch als der Arzt am Ende das Wort »Streuung« in den Mund nahm, fast beiläufig, gab Johan es auf, ihn überhaupt noch von irgendetwas überzeugen zu wollen. »Streuung« war so ein Wort, auf das er sein ganzes erwachsenes Leben lang gewartet hatte – er hatte es erwartet, gefürchtet und vorhergesehen. Es gibt keine Veranlassung, nicht einmal nach seinem Tod, zu verheimlichen, dass Johan Sletten ein unverbesserlicher Hypochonder und Schwarzseher war und dass sich diese Szene – die Urszene eines Hypochonders  – zwischen dem Arzt und ihm in seinem Kopf immer und immer wieder abgespielt hatte, seit er ein junger Mann war. Doch im Gegensatz zu diesen Urszenen, behutsam inszeniert und in seinem Kopf unablässig redigiert, war die reale Szene, das, was
tatsächlich passierte, weitaus weniger dramatisch, als Johan es in seiner Fantasie vorhergesehen hatte.
    Â»Streuung?«, fragte Johan.
    Â»Das bedeutet nicht ...«, sagte der

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