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GK195 - Totentanz im Hexenclub

GK195 - Totentanz im Hexenclub

Titel: GK195 - Totentanz im Hexenclub
Autoren: A.F.Morland
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Noch versuchte sich Angela North verzweifelt dagegen aufzulehnen. Doch der unverständliche Wunsch, aus dem Leben zu scheiden, wurde von Minute zu Minute größer, wucherte in dem jungen Mädchen wie ein dämonischer Parasit, der mehr und mehr von ihrem Geist Besitz ergriff, bis die Unglückliche nur noch eines denken konnte: Sterben! Ich will sterben! Ich hasse das Leben! Der Tod ist die Erlösung für mich!
    Und dann ging Angela North los, um dem gnadenlosen Befehl, den sie empfangen hatte, willenlos zu gehorchen…
    Tränen glänzten in ihren Augen. Mit apathischer Miene blickte sie ins Wasser. Breit, dunkel und träge floß die Themse dahin. Angela stand auf der Tower Bridge, die zu dieser Stunde menschenleer war. Hin und wieder rollte ein Wagen vorbei. Das Mädchen merkte es nicht. Gebannt starrte Angela ins Wasser. Eine magische Anziehungskraft ging davon aus.
    Eine Träne löste sich aus dem Auge des Mädchens. Langsam sank der glänzende Tropfen an Angelas bleicher Wange herab. »Mach Schluß!« rief eine Stimme in ihr. »Wirf es weg, dein nutzloses Leben! Du brauchst es nicht mehr!«
    Verwirrt strich sich das Mädchen eine dunkelbraune Haarsträhne aus der Stirn. Ein paar geisterhafte Nebelschwaden tanzten auf der Themse. Sie schienen ihr mit dürren Fingern zu winken, als wollten sie sie zu sich locken. »Komm!« schien es dort unten immer wieder zu flüstern. »Komm! Spring endlich!«
    Und dann war da noch diese eigenartige Melodie, gespielt mit einer Flöte. Disharmonische Passagen wechselten in rascher Folge mit unwahrscheinlich einschmeichelnden, verlockenden Klängen. Sie füllten Angela auf eine Weise aus, waren in ihr — von Kopf bis Fuß — ließen nicht zu, daß sie an irgend etwas anderes dachte als an ihren Tod.
    Es war diese entsetzlich eindringliche Todesmelodie, die das Mädchen zwang, den entscheidenden Schritt zu tun. Ein tiefer Seufzer kam über ihre blutleeren Lippen. Mit mechanischen Bewegungen überkletterte sie das Brückengeländer. Sie hatte keine Angst vor dem Sterben. Im Gegenteil. Sie sehnte sich nach dem Ende.
    Das Flötenspiel ging in laute, schrille Töne über. Angelas Gesicht verzerrte sich schmerzhaft. Sie wußte, daß dieser unerträgliche Lärm in ihrem Kopf erst dann vorbei sein würde, wenn sie nicht mehr lebte. Der sehnsüchtige Wunsch nach Stille und Ruhe überflutete sie wie eine eiskalte Woge.
    Die Nebelschwaden waren jetzt unter ihr.
    »Spring!« riefen sie ihr zu. »Wir fangen dich auf und bringen dich in ein Land voller Stille und Ruhe! Komm und vertrau dich uns an! Wir sind deine Freunde! Schenk uns dein Leben!«
    Angela beugte sich vor. Das dunkle Wasser täuschte sie mit verlockenden Trugbildern. Sie konnte nicht mehr länger widerstehen. In dem Moment, wo sie das Geländer loslassen und sich in die Themse stürzen wollte, vernahm sie Schritte, die schnell näherkamen, und eine Männerstimme schrie: »Mein Gott, was tun Sie denn da?«
    Der Mann war jung. Sechsundzwanzig, kräftig, dunkelhaarig, gut gekleidet. Sein Name war Clyde Moping. Angestellter des Londoner Planetariums. Zwei Freunde von ihm hatten eine Party gegeben. Das Fest war vorüber, und Clyde war auf dem Nachhauseweg.
    Er war völlig durcheinander, als er das Mädchen erblickte. Er wußte, daß er sie nicht springen lassen durfte, und rannte auf sie zu. Angela wandte den Kopf. Sie war ausnehmend hübsch, fand Moping. Während er versuchte, sie zu fassen, fragte er sich, welchen Grund sie haben mochte, sich ins Wasser zu stürzen.
    Fast hätte er danebengegriffen. Im allerletzten Augenblick erwischte er die Selbstmörderin noch an den Schultern. Er riß sie keuchend zurück, umschlang sie blitzschnell mit beiden Armen.
    Angela wehrte sich gegen ihn. »Lassen Sie mich!« schrie sie wütend. »Lassen Sie mich in Ruhe! Sie haben kein Rechtj mich davon abzuhalten!«
    »Und Sie haben kein Recht, sich das Leben zu nehmen!«
    »Ich muß es tun!«
    »Niemand auf der Welt ist eine solche Verrücktheit wert!« stieß Clyde Moping atemlos hervor. »Nehmen Sie Vernunft an. Sie sind ein junges, hübsches Mädchen. Sie haben keinen Grund, sich das Leben zu nehmen. Bestimmt sind Sie kerngesund. Wenn Sie eine unheilbare Krankheit hätten…«
    »Sie sollen mich loslassen!« kreischte das Mädchen.
    »Ist es Liebeskummer? Hören Sie, morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wenn Sie Ihr Freund sitzengelassen hat, ist das doch noch lange kein Grund, so eine Dummheit zu begehen. Vielleicht ruft er Sie

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