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Kosakensklavin

Kosakensklavin

Titel: Kosakensklavin
Autoren: Patricia Amber
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 Kapitel 1
    Es war zum Ersticken heiß in der geschlossenen Kutsche, denn man hatte wegen des Staubs die Fenster geschlossen gehalten. Dennoch wagte es Sonja nicht, das seidene Schultertuch herunterzunehmen - aus Furcht vor Baranows lüsternen Blicken. Seit dem Morgen, als sie in St. Petersburg in die Kutsche gestiegen waren, saß er ihr gegenüber, begaffte sie, verfolgte jede ihrer Bewegungen und hatte die ganze Zeit über ein seltsames Lächeln in den Mundwinkeln, das sie erzittern ließ. Einige Male, als die Kutsche auf holprigen Wegen hin und her schaukelte, hatten seine dicken Knie ihre Beine berührt, und sie war hastig auf dem engen Sitz zur Seite gerutscht. Es war lächerlich genug, sich so anzustellen. Ihr Bruder Sergej, der neben Baranow saß und in der neuen, grünen Gardeuniform so steif und unnahbar aussah, hatte sie mehrfach strafend angesehen.
    Als die kleine Reisegesellschaft an einem Bachufer Rast machte - auch um die Pferde zu tränken - ,hatte Sergej sie beiseite genommen.
    „Hör zu, Sonja“, sagte er ärgerlich. „Der Fürst schätzt es gewiss, dass du eine strenge Erziehung genossen hast und unberührt in die Ehe gehst. Trotzdem solltest du dich nicht benehmen wie eine prüde, alte Jungfer. Lächle ihn an und zeige ihm, dass du stolz und glücklich bist, seine Braut zu sein.“
    „Natürlich, Sergej“, sagte sie tapfer und versuchte ihre Verzweiflung zu verbergen. „Ich werde mich bemühen, ganz bestimmt werde ich das.“
    „Es sind noch zwei Tage bis zur Hochzeit, Sonja“, fügte er mahnend hinzu. „Du willst doch wohl nicht, dass wir so kurz vor dem Ziel noch scheitern?“
    „Nein, das will ich nicht“, flüsterte sie gepresst. „Ich weiß sehr gut, wie wichtig diese Heirat für uns alle ist. Vor allem für dich, Sergej, weil du durch Baranows Protektion Gardist der Zarin geworden bist.“
    „Für uns alle“, betonte er verdrossen.
    Sergej hörte nicht gern, dass er seine neue Position am Zarenhof dem Fürsten Baranow verdankte, obgleich es die Wahrheit war. Er öffnete schon den Mund, um seine kleine Schwester zurechtzuweisen, doch dann setzte er rasch eine heitere Miene auf, denn Ossip Arkadjewitsch Baranow stapfte durch das Ufergras zu ihnen.
    „Es ist immer das gleiche mit diesen Dummköpfen“, schimpfte der Fürst wütend. „Wir sind einen Umweg von mindestens fünf Werst gefahren, weil der Kutscher ein Schwachkopf ist und sich nicht an meine Befehle gehalten hat. Jetzt werden wir nicht vor dem Abend auf Gut Pereschkowo ankommen.“
    Baranow war groß, kräftig und furchteinflößend. Auch wenn er reich gekleidet und mit Orden dekoriert am Zarenhof auftrat, war er alles andere als eine höfische Erscheinung. Jetzt hatte er wegen der Hitze die Jacke und die Weste ausgezogen, so dass das seidene Spitzenhemd herausquoll. Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn und rannen in die markanten Augenbrauen hinein. Baranow hatte die Vierzig schon überschritten, was ihn nicht davon abgehalten hatte, um die knapp zwanzigjährige Sonja Woronina anzuhalten. Er wusste, dass man ihm diese bezaubernde Unschuld trotz des Altersunterschiedes nicht verweigern würde, denn die Woronins waren finanziell restlos ruiniert, und alle ihre Hoffnungen ruhten auf Sonja. Das hübsche junge Mädchen hatte das Wohlwollen der Zarin Katharina gewonnen und war als Hofdame an den Zarenhof berufen worden. Die denkbar besten Voraussetzungen für eine gute Partie.
    „Besser spät ankommen als gar nicht“, meinte Sonja schüchtern und zwang sich zu einem Lächeln.
    Tatsächlich wäre sie viel lieber überhaupt nicht auf Gut Pereschkowo angekommen, geschweige denn auf dem Landsitz der Baranows, wo übermorgen die Hochzeit stattfinden sollte. Was sie in jener Nacht der Nächte erwartete, davon hatte sie nur undeutliche Vorstellungen, doch sie ahnte, dass es etwas Peinliches und sehr Unschickliches sein würde.
    „Es ist nur meine Ungeduld, mein Täubchen, die mich so zornig macht“, gab Baranow zurück und packte ihre Hand, um sie an seine Lippen zu ziehen. „Ich kann es gar nicht erwarten, dich auf meinem Besitz zu begrüßen und zu wissen, dass du ganz und gar mir angehören wirst.“
    Sonja spürte die strengen Augen ihres Bruders und erstarrte zu vollkommener Unbeweglichkeit, während der Fürst einen Kuss auf ihren Handrücken drückte.
    „Dann sollten wir die Reise so rasch wie möglich fortsetzen“, sagte sie leise, um wenigstens Baranows Lippen nicht mehr spüren zu müssen.
    „Nichts lieber

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