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Geheimnisvolles Vermächtnis (German Edition)

Geheimnisvolles Vermächtnis (German Edition)

Titel: Geheimnisvolles Vermächtnis (German Edition)
Autoren: Mary Hooper
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Kapitel 1
    Grace, die ihr kostbares Bündel fest an sich drückte, fand den Bahnhofseingang ohne große Mühe. Die Nekropolis-Bahn lief, genau wie ihr die Hebamme Mrs   Smith erklärt hatte, auf einer eigens dafür eingerichteten Schienenstrecke von Waterloo Station in London bis nach Brookwood in der Grafschaft Surrey. Hier am Londoner Bahnhof versammelten sich um kurz vor elf die Hinterbliebenen, unschwer zu erkennen an den für die erste Phase der Volltrauer vorgeschriebenen Kleidern: Die wenigen Frauen, deren nervliche Konstitution es ihnen erlaubte, dem Begräbnis beizuwohnen, trugen dicke Schleier und schwarze Gewänder aus Kreppstoff bar jeglicher Verzierung – kein glänzender Schmuck, keine bunten Knöpfe oderedlen Borten lockerten die strenge Tracht auf; die Männer trugen Zylinder mit Trauerflor, förmliche Gehröcke und schwarze Schalkrawatten aus feinem Kammgarn. Alle warteten auf den Zug, der sie zusammen mit ihrem Verstorbenen aufs Land hinausbringen sollte, in den Garten des ewigen Schlafs in Brookwood. Dort, fernab vom Getöse und Gestank Londons, konnten ihre Verstorbenen unter Rosenbüschen und immergrünen Kiefern in ewigem Frieden ruhen.
    Grace hielt sich ein wenig abseits und beobachtete, wie die Trauernden vor die Glasscheibe des Fahrkartenschalters traten, um ihre Karte zu lösen. Sie war ängstlich und unsicher, da sie noch nie mit der Eisenbahn gefahren war, und konzentrierte sich darauf, alles richtig zu machen. Nachdem nahezu alle Reisenden den Fahrkartenschalter passiert und sich in die jeweiligen Wartesäle für ihre Klasse begeben hatten, trat sie vor die Scheibe.
    »Nach Brookwood bitte«, sagte sie. »Hin und zurück.«
    Der Schalterbeamte blickte auf. »Erster, zweiter oder dritter Klasse, Miss?«, fragte er in dem mitfühlenden Tonfall, zu dem die Mitarbeiter der Nekropolis-Bahn angehalten waren.
    »Dritter Klasse«, antwortete Grace und schob ihm die zwei Shillinge hin, die die Hebamme ihr gegeben hatte.
    »Sie fahren ganz allein? Nicht mit einer Trauergesellschaft?«
    Grace nickte. »Nur ich allein. Ich   … ich besuche das Grab meiner Mutter«, log sie.
    Der Beamte schob ihr eine Fahrkarte aus dickem, schwarz umrandetem Papier hin. »Sie können sich einstweilen in den entsprechenden Wartesaal begeben. Man wird Ihnen dann zeigen, wo Sie hinmüssen«, sagte er. »Der Zug fährt pünktlich um halb zwölf Uhr ab. Einen guten Tag noch.«
    Grace nahm die Fahrkarte entgegen, stammelte ein Dankeschön und ging weiter.
    Es gab drei Wartesäle, für jede Klasse einen, und den Leuten darin sah man, obschon natürlich alle Schwarz trugen, ihren sozialen Stand unschwer an. Die in der zweiten Klasse waren lange nicht so elegant und förmlich gekleidet wie die der ersten, und manche aus der dritten Klasse schienen, ihren geflickten Gewändern und verwahrlostem Äußeren nach zu urteilen, fast dem Armenstand anzugehören. Grace stellte erleichtert fest, dass sie hier in ihren zerschlissenen und gestopften Kleidern nicht weiter auffiel. Und da ein jeder sowieso in seine eigene Trauer versunken war und darum rang, seine Fassung zu bewahren, blickte auch niemand zu dem zierlichen, blassen Mädchen auf, das jünger als seine fünfzehn Jahre wirkte, die Augen zu Boden geschlagen hatte und ein kleines, in Leinen gewickeltes Bündel unterm Arm hielt. Hätte jemand sich gefragt, was sie da bei sich trug, so hätte er vermutlich auf ein extra Paar Schuhe oder einen zusätzlichen Schal getippt, für denFall, dass der Boden des Friedhofs schlammig sein oder der Himmel sich plötzlich bewölken sollte.
    Um Punkt zwanzig nach elf setzten sich die verschiedenen Grüppchen in Bewegung, um den Zug zu besteigen, wobei die Passagiere der ersten Klasse von beflissenen Vertretern der Beerdigungsgesellschaften zu privaten Waggons geleitet wurden. Sie stiegen zuerst ein, damit ihnen jeglicher Kontakt mit den Reisenden der dritten Klasse – oder auch nur deren bloßer Anblick – erspart bliebe. Auch die Särge ihrer Verstorbenen reisten getrennt von denen der niederen Klassen; alles andere wäre eine Zumutung für sie gewesen.
    Sobald die lebenden Passagiere sicher auf ihren Plätzen angelangt waren, kamen die Särge an die Reihe. Sie wurden nun in den Leichenwaggon geladen, was aus Rücksicht auf die Angehörigen mit der allergrößten Diskretion vor sich ging. All jene, die nicht in Begleitung eines Sargs reisten, sondern sich nur um ein Grab kümmern oder zu einem stillen Gedenken auf den Friedhof fahren

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