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Weil du fehlst (German Edition)

Weil du fehlst (German Edition)

Titel: Weil du fehlst (German Edition)
Autoren: Jana Frey
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Was machst du? Ich lasse das Leben auf mich regnen.

    Meine Mutter gibt sich Mühe, immer wieder alle Brücken hinter uns abzubrechen, alle Spuren zu verwischen. Wir haben schon fast überall gewohnt, was natürlich übertrieben ist, denn kein Mensch kann fast überall gewohnt haben. Aber ich kann Paris aufweisen und Prag und ein Kaff namens Afumati – das liegt in Rumänien in der Region Walachei und das ist kein Witz. Außerdem waren da natürlich einige amerikanische Städte, Philadelphia und Milwaukee und so weiter, aber am schönsten und verrücktesten war es auf Stromboli. Die Insel liegt im Mittelmeer nördlich von Sizilien und es ist eine sehr hohe, aber sehr kleine Insel. Nicht mal sechshundert Menschen wohnen auf Stromboli, und eine Weile waren meine Mutter, meine Schwester Oya und ich drei von ihnen. Von Stromboli stammt auch Billyboy, unsere Katze.
    Eine kurze Frage und eine kurze Antwort :
    Wer bin ich?
    Ich bin Kassandra.
    Geboren wurde ich ganz unspektakulär in Springfield, Connecticut, einer eher unspannenden Kleinstadt mit vielen Highways rundherum und einer hübschen Altstadt, die aber so klein ist, dass man wahnsinnig oft hindurchlatschen kann in einer einzigen popeligen Stunde, ohne allzu viel zu sehen. Auch Oya ist in Springfield geboren. Das war noch vor der Zeit, in der unsere Mutter Mrs Ruhelos wurde und anfing, durch die Welt zu jagen auf der Suche nach Keineahnungwas. Sie legt sich – und damit auch uns – neue Wohnorte zu, wie sich andere Frauen Schuhe zulegen. Aber in diesem Fall nicht mal normale Schuhe wie Riemchensandalen, Pumps und so was, sondern eher, als kaufe sie besessen schräge Mokassins, schillernde, orientalische Opanken und solche Sachen. Prag, Stromboli, Paris eben.
    Ich kann eine Menge Klassenlehrerinnen aufweisen durch unsere vielen Umzüge. Meine Mutter, die mal, vor langer Zeit, Kunst studiert hat, verdient ihr und damit unser Geld mit Malerei. Was sie malt? Alles. Wirklich alles. Auftragsarbeiten, manchmal der übelsten Art. Haustiere in Acryl zum Beispiel. Pudel von alten, senilen Damen und so weiter. Einmal hat sie auch das schwermütige, knotige, äußerst hässliche Krokodil eines Mannes Namens Edgar Nash gemalt, der dann ein paar Monate ihr Lover wurde. Durch ihn kamen wir nach Milwaukee. Es war unglaublich. Edgar und meine Mutter und immer dieser Reptiliengeruch in Edgars Haus. Er hatte auch Leguane und andere Gruselviecher. Aber er war Collegeprofessor für diese Art von Tieren, und manchmal konnte er ganz nett sein. Er tanzte mit meiner Mutter zu imaginärer Musik Polka durch sein unordentliches Reptilienhaus und weinte, als seine Gelbwangenschildkröten an einer Seuche eingingen.
    Aber zurück zu meinen Klassenlehrerinnen. Es gab eine Mrs Cardasis, zwei Mrs Thomas, nur verschieden geschrieben, eine Miss Aronsson, eine Mrs Olariu, besser gesagt Doamna Olariu in Afumati, eine Pani Sládekova in Prag, eine Madame Baffour und eine Madame Runné in Paris und vorher die lieben, verrückten Signora Tozzi und Signora Graziano auf Stromboli. Signora Graziano verdanke ich die beinahe einzig stabile Komponente in meinem Leben. Ich meine außer dem ewigen Zusammenglucken mit meiner Mutter und mit Oya und Billyboy. Aber das nenne ich keine stabile Komponente. Das ist eher eine Zwangsverbindung. Darum zurück zu Achmed. Denn Signora Graziano schenkte oder vielmehr verpasste ihn mir: Achmed, der kein Terrorist ist, weder ein toter noch ein lebender, sondern ein netter türkischer Achtzehnjähriger aus Ankara, der mein Brief – Quatsch – E-Mail-Freund ist. Signora Graziano verpasste allen in der kleinen Schule, die es auf Stromboli gibt, einen E-Mail-Freund, um uns multikultureller zu gestalten, wie sie erklärte. Oya hat damals eine schwedische E-Mail-Freundin verpasst bekommen, der Kontakt ist inzwischen eingeschlafen. Aber Achmed ist mir geblieben. Damals, als ich ihn bekam, war er dreizehn und ich zwölf, und er verehrte Madonna, Atatürk, den Staatsgründer der Türkei, und außerdem die originalen, britischen Matchboxautos von Lesney Products & Co. Die vor allem. Heute verehrt er Cher, Mahatma Gandhi und amerikanische Actionfilme. Die vor allem.
    Hier ein Auszug aus einer Mail an Achmed:.
    … wir ziehen zurück in die USA. Ist das zu fassen? Gerade hatte ich mich an Paris gewöhnt. All die irren Franzosen und der Café au lait und die Schule und Madame Runné und unsere kleine, miefige Wohnung im Vorort Porte de la Chapelle (bekannt aus den Nachrichten,

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