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Friesenrache

Friesenrache

Titel: Friesenrache
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    »Da ist schon wieder ein Brief vom Anwalt gekommen.«
      Irmtraud Carstensen studierte mit besorgter Miene den Absender des Einwurfeinschreibens.
      »Leg ihn zu den anderen«, antwortete ihr Mann ohne aufzublicken.
      »Willst du ihn denn nicht aufmachen? Vielleicht steht etwas Wichtiges drin.«
      »Was soll schon drinstehen? Doch nur, dass Kalli auf die Auszahlung seines Erbteils besteht und ich der Veräußerung des Hofs zustimmen soll. Aber ich verkaufe mein Elternhaus nicht. Auf gar keinen Fall und schon gar nicht, um meinem gierigen Bruder das Geld in den Rachen zu werfen.«
      Friedhelm Carstensen blätterte energisch in der Tageszeitung und tat, als lese er interessiert die Nachrichten vom Vortag.
      Seine Frau stand unschlüssig in der Küche und betrachtete nachdenklich den weißen Umschlag. Vor etlichen Monaten war ihre Schwiegermutter gestorben, die den Nachkommen den Familienhof hinterlassen hatte. Vermutlich hatte die ältere Dame gedacht, dass die Söhne sich friedlich über die Aufteilung des Hofes einigen würden. Ein Testament gab es nicht. Beim Tod ihres Mannes hatte es schließlich auch keine Streitigkeiten über den Nachlass gegeben. Denn obwohl den Söhnen schon damals ein Pflichtteil zugestanden hatte, war eine einstimmige Entscheidung darüber gefällt worden, dass die Mutter weiterhin auf dem Hof wohnen sollte.
      Seitdem aber Lene Carstensen das Zeitliche gesegnet hatte, war ein wütender Erbstreit zwischen den beiden Brüdern ausgebrochen. Bereits auf der Beerdigung hatte es heftige Auseinandersetzungen bezüglich des Hofes gegeben.
      Kalli Carstensen, ein angesehener und finanziell gut gestellter Landwirt, hatte sich für die Veräußerung des Familienerbes ausgesprochen, das neben dem Hof auch noch etlichen Landbesitz umfasste. Friedhelm hingegen sträubte sich vehement dagegen, sein Elternhaus zu verkaufen. Seiner Ansicht nach ging es seinem profitgeilen Bruder, wie er ihn stets bezeichnete, lediglich ums Geld und nicht darum, den Familienbesitz und die Tradition weiterzuführen. Sicherlich hatte er damit nicht ganz unrecht, schließlich waren der Hof und Landbesitz der Familie Carstensen einiges wert, aber auch Irmtraud fragte sich immer öfter, welche Tradition ihr Mann fortführen wollte und was sie eigentlich alle von einem verfallenden Hof hatten.
      Friedhelm Carstensen hatte sich doch schon bei der Wahl seines Berufes der Familientradition entgegengestellt. Anders als sein Bruder, der wie sein Vater und Großvater Landwirt war, hatte Friedhelm eine Ausbildung zum Bäcker gemacht. Da er nie besonders ehrgeizig oder fleißig gewesen war, hatte er es auch nicht so weit wie sein Bruder gebracht. Noch heute war er Angestellter, stand jeden Morgen um drei Uhr auf und jammerte regelmäßig zum Monatsende über den Hungerlohn, den sein Chef ihm zahlte. Allein deswegen verstand Irmtraud nicht, warum ihr Mann den Hof nicht verkaufen wollte. Mit dem Geld wären sie schlagartig all ihre finanziellen Sorgen los und könnten sogar die Hypothek des eigenen Hauses abbezahlen.
      »Aber was soll denn aus dem Hof werden? Es ist doch schade, wenn der Besitz nach und nach verfällt«, versuchte sie vorsichtig, das heikle Thema nochmals aufzugreifen. »Wir könnten das Geld doch wirklich dringend gebrauchen.«
      Friedhelm Carstensen blickte abrupt von der Zeitung auf. In seinen Augen blitzte es.
      »Geld, Geld, Geld. Du bist doch keinen Deut besser als Kalli. Ich reiße mir den Arsch für dich auf. Schufte wie ein Irrer, damit ich dir das hier alles bieten kann. All den Plunder.« Er breitete seine Arme aus und deutete aufs Inventar, das sich in der kleinen Küche befand.
      »Und was ist der Dank? Immer mehr und mehr willst du. Wie Blutsauger seid ihr.«
      Er stand auf und riss ihr den Brief aus der Hand.
      »Aber ich verkaufe nicht. Das ist mein letztes Wort. Basta!«

    Tom und Marlene saßen am Frühstückstisch, als ihr Freund Haie plötzlich die Küche betrat. Sie wussten sofort, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein musste. Das lag zum einen an der Uhrzeit, denn für gewöhnlich arbeitete der Freund um diese Tageszeit schon seit Stunden; zum anderen konnten sie das seinen hektischen Bewegungen und den geröteten Wangen entnehmen.
      »Mensch Haie, was ist denn los?«, fragte Tom deshalb auch ohne Umschweife.
      »Kalli ist tot! Die haben ihn hinten im Maisfeld gefunden. Mit dem Feldhäcksler. Ich kann's gar nicht glauben.«
      »Komm, setz

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