Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Yendi

Yendi

Titel: Yendi
Autoren: Steven Brust
Ads
 
     
»HALT DICH BEREIT, FALLS SIE HANDGREIFLICH WERDEN«
     
     
    Kragar sagt, das Leben sei wie eine Zwiebel, aber er meint damit nicht dasselbe wie ich.
    Er redet davon, wie man sie häutet und dabei immer tiefer und tiefer vordringt, bis man schließlich in der Mitte angelangt ist und nichts mehr übrig hat. Vermutlich ist da etwas Wahres dran, aber in den Jahren, als mein Vater eine Schenke besaß, habe ich nie eine Zwiebel gehäutet, ich habe sie gehackt; Kragars Gleichnis trifft auf mich eigentlich nicht zu.
    Wenn ich behaupte, das Leben sei wie eine Zwiebel, dann meine ich folgendes: wenn man nichts damit anfängt, fault sie. Bis dahin unterscheidet sie sich nicht von anderem Gemüse. Wenn aber eine Zwiebel zu faulen anfängt, kann dies von innen heraus oder von außen passieren. Manchmal greift man also eine, die gut aussieht, aber ihr Kern ist verdorben. Dann wieder sieht man auf einer eine schlechte Stelle, doch wenn man die herausschneidet, ist der Rest völlig in Ordnung. Eine scharfe Sache, aber dafür hat man schließlich bezahlt, nicht wahr?
    Dzurlords betrachten sich gerne als Küchenmeister, die herumlaufen und die schlechten Stellen aus Zwiebeln herausschneiden. Dummerweise können sie für gewöhnlich das Gute nicht vom Schlechten unterscheiden. Dragonlords dagegen haben einen guten Blick für faulige Stellen, nur neigen sie dazu, wenn sie eine finden, gleich die ganze Ladung wegzuwerfen. Ein Hawklord wird jedesmal eine schlechte Stelle entdecken. Er wird zusehen, wie man das Ding zubereitet und ißt, und dann weise nicken, wenn man es wieder ausspuckt. Fragt man ihn dann, wieso er einem nichts gesagt hat, macht er ein überraschtes Gesicht und erwidert: »Ihr habt ja nicht gefragt.«
    Ich könnte noch mehr erzählen, aber wozu? Im Haus der Jhereg kümmern uns faulige Stellen keinen feuchten Tecklaschiß. Wir sind nur dafür da, Zwiebeln zu verkaufen.
    Hin und wieder jedoch bezahlt jemand mich dafür, daß ich eine solche schlechte Stelle entferne. Dadurch hatte ich an jenem Tag dreitausendzweihundert Goldimperials eingenommen, und damit meine Anspannung sich verflüchtigen konnte, machte ich einen Abstecher zu der mehr oder weniger endlosen Feier in der Heimstatt des Lord Morrolan. Gewissermaßen gehöre ich als Sicherheitsberater zu seinen Leuten, dadurch war ich sozusagen immer eingeladen.
    Lady Teldra nahm mich in Empfang, nachdem ich mich vom Teleport erholt hatte, und ich schlenderte zum Bankettsaal. Vom Eingang aus betrachtete ich die Ansammlung von Menschen (ich verwende diesen Begriff freizügig) und suchte nach bekannten Gesichtern, wobei mir bald schon die große Gestalt des Lord Morrolan selbst auffiel.
    Gäste, die mich nicht kannten, sahen mir auf meinem Weg zu ihm hinterher; manche von ihnen machten Bemerkungen, die ich mithören sollte. Auf Morrolans Feierlichkeiten ziehe ich immer die Aufmerksamkeit auf mich – weil ich der einzige Jhereg dort bin; weil ich der einzige »Ostländer« (sprich: Mensch) dort bin; oder weil mein Vertrauter, der Jhereg Loiosh, auf meiner Schulter hockt.
    »Nette Feier«, meinte ich zu Morrolan.
    »Ach, wo sind denn dann die gegrillten Tecklas?« fragte Loiosh psionisch dazwischen.
    »Vielen Dank, Vlad. Ich bin erfreut, daß du mich beehrst.«
    Morrolan redet immer so. Ich glaube, er kann nichts dafür.
    Wir gingen zu einem Tisch hinüber, an dem einer seiner Diener kleine Kostproben verschiedener Weine ausschenkte, die er mit den Worten eines Kenners erläuterte. Ich bekam ein Glas roten Darloscha und trank einen Schluck. Angenehm und trocken, aber gekühlt würde er besser schmecken. Dragaeraner haben keinen Sinn für Weine.
    »Guten Abend, Vlad; Morrolan.«
    Ich drehte mich um und verneigte mich tief vor Aliera e’Kieron, Morrolans Cousine und Thronerbin der Dragon. Morrolan verneigte sich und drückte ihre Hand. Ich lächelte. »Guten Abend, Aliera. Stehen schon irgendwelche Duelle an?«
    »Allerdings, ja«, gab sie zurück. »Du hast davon gehört?«
    »Eigentlich nicht, nein; das sollte ein Scherz sein. Du wirst dich also tatsächlich duellieren?«
    »Ja, und zwar morgen. So ein feiger Teckla von einem Dzurlord hat bemerkt, wie ich gehe, und seine Kommentare dazu abgelassen.«
    Tadelnd schüttelte ich den Kopf. »Wie ist sein Name?«
    Sie zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht. Ich werde es morgen erfahren. Morrolan, hast du Sethra gesehen?«
    »Nein. Ich nehme an, sie ist auf dem Dzurberg. Vielleicht erscheint sie später noch. Ist es

Weitere Kostenlose Bücher

und der tote Richter
und der tote Richter von M. C. Beaton