Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Regen - Laymon, R: Regen - One Rainy Night

Der Regen - Laymon, R: Regen - One Rainy Night

Titel: Der Regen - Laymon, R: Regen - One Rainy Night
Autoren: Richard Laymon
Ads
Der Tatort
    Das ist wirklich verdammt bescheuert, dachte Hanson. Trotzdem kletterte er nicht wieder hinunter.
    Der Maschendrahtzaun, der das Footballstadion der Lincoln-Highschool umgab, wackelte, als er daran hochkletterte. Das Drahtgeflecht gab metallisch klirrende Geräusche von sich, die in der Stille des Novemberabends entsetzlich laut klangen. Doch Hanson bezweifelte, dass irgendwer den Lärm hörte.
    Die nächstgelegenen Häuser jenseits der Tribünen auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions waren außer Sichtweite. Hinter ihm erstreckte sich ein leeres Feld bis zu den Schulgebäuden in der Ferne. Das Stadion selbst schien verlassen.
    Niemand würde das Klirren des Zauns hören, da war sich Hanson sicher. Doch es zerrte an seinen Nerven, so wie das Rascheln von trockenen Blättern unter den Füßen einen Mann nervös macht, der nachts allein über einen Friedhof geht. Sein Herz hämmerte. Schweiß lief aus allen Poren. Seine Arme und Beine zitterten.
    Den Zaun hochzuklettern war leicht. An diesem Ort zu sein jedoch nicht.
    Oben angelangt stemmte er sich vorsichtig balancierend über den Rand. Er ließ sich die drei Meter hinunter ins Gras fallen und landete mit gebeugten Knien, um den Aufprall abzufedern. Er spürte den Stoß vor allem in den Hüften, wo
die Schwerkraft heftig an seinem Revolvergurt zerrte. Das strapazierte Leder ächzte und knarrte. Die Handschellen und die Reservemunition klirrten in seinen Taschen. Hanson richtete sich auf und zog den Gurt hoch.
    Er wischte sich die schweißnassen Hände an seinem Hemd ab.
    Okay, dachte er, jetzt bist du hier.
    Er ging langsam über das Gras, die Augen auf den nördlichen Torpfosten direkt vor ihm gerichtet.
    Er machte sich was vor, wenn er glaubte, er würde irgendwas Neues finden. Die Jungs hatten den Tatort letzte Nacht genau in Augenschein genommen. Und bei Tageslicht noch einmal. Sie hatten alles fotografiert, eingesammelt, mit Zetteln versehen und mitgenommen: den armen Teufel selbst, seine Klamotten, Streichhölzer und Zigarettenstummel, den Benzinkanister, Schokoriegelverpackungen, Bonbonpapiere und all den anderen Müll, der mit dem Verbrechen wahrscheinlich überhaupt nichts zu tun hatte – selbst die Rasenfläche um den Hauptpfosten herum, an den der Junge gefesselt gewesen war. Es war sogar die Rede davon gewesen, den Torpfosten selbst mitzunehmen, aber der Chief hatte sich dagegen entschieden. Zumindest hatten sie die verkohlten Überreste des Schutzpolsters vom Pfosten gelöst und als Beweismittel eingepackt.
    Himmel – hier gab es nichts Interessantes mehr zu entdecken.
    Doch Hanson, der heute Nacht im Viertel auf Streife war, hatte sich dabei ertappt, wie er immer wieder um die Highschool fuhr und jedes Mal, wenn in der Ferne die Torstange in Sicht kam, langsamer wurde und wie gebannt zu diesem
verdammten Ding hinüberstarrte. Schließlich hatte er vor dem Stadion angehalten.
    Und den Wagen verlassen, ohne der Zentrale per Funk Bescheid zu geben.
    Bescheuert.
    Als seine Schritte über die Aschenbahn knirschten, wünschte Hanson, er hätte Lucy angefunkt. Er hätte ihr irgendeinen falschen, x-beliebigen Standort angeben können und behaupten, er würde heute etwas früher Pause machen, um was zwischen die Zähne zu bekommen.
    Andererseits wäre es noch schlimmer gewesen, sie anzulügen.
    Er hatte vor, diese Frau zu heiraten. Man belügt niemanden, den man liebt.
    Besser so, dachte er. Außerdem würde sie mich wahrscheinlich decken, falls es irgendwelche Probleme gibt.
    Das Gras fühlte sich weich und elastisch unter seinen Schuhen an. Er durchquerte die Endzone, den Blick auf die Torstange gerichtet. Vor der kreisförmigen Fläche, wo das Gras entfernt worden war, blieb er stehen und starrte darauf.
    Erneut fragte er sich, was ihn hierhergebracht hatte.
    Mordopfer hatte er schon zuvor gesehen, wenn auch nicht viele. Und nur eines von ihnen – Jennifer Sayers – hatte ein derart brutales Ende gefunden. Sie war zwar nicht verbrannt wie dieser Junge, aber gefoltert und vergewaltigt worden. Ihre verstümmelte Leiche hatte Hanson eine Menge Albträume beschert, doch er war nie heimlich zu dem Wald hinausgefahren, wo es passiert war.
    Irgendwie war das hier anders.

    Ja, dachte er. Irgendwie. Maxwell Chidi war ein farbiger Junge. Das war der Unterschied, das und nichts anderes.
    Wann wird aus einem Schwarzen ein Nigger? Sobald er den Raum verlässt .
    Hanson hatte früher über so etwas gelacht. Verdammt, früher hatte er solche Witze

Weitere Kostenlose Bücher

Sterntaucher
Sterntaucher von Astrid Paprotta
Der Derwisch und der Tod
Der Derwisch und der Tod von Meša Selimović