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Fremde Wasser

Fremde Wasser

Titel: Fremde Wasser
Autoren: Wolfgang Schorlau
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    Prolog: Berlin, Reichstag, März 2006
    In diesem Jahr wollte es nicht Frühling werden.
    Angelika Schöllkopf, Bundestagsabgeordnete der konservativen Regierungspartei, saß missmutig an ihrem Schreibtisch und sah
     dem Regen zu, der gegen das Fenster trommelte. Draußen rüttelte der Wind an den Verstrebungen der Jalousien, als wolle er
     das Parlament stürmen.
    Ihr ging es nicht gut.
    Seit dem Aufstehen quälte sie ein schmerzhafter Druck im Brustkorb. Ein Gefühl der Enge machte ihr Angst. Sie schob beides
     auf die Rede, die sie in einer halben Stunde im Plenum halten würde. Es war nicht ihre erste Bundestagsrede, aber ihre wichtigste.
     Sie war beunruhigt. Ihr Blick suchte den Bildschirm, der oben auf dem Bücherregal aus dunklem Kirschholz stand. Das Parlamentsfernsehen
     übertrug die laufende Debatte. Den Ton hatte sie abgedreht, und das Bild zeigte einen liberalen Kollegen, der wie ein fetter
     Barsch stumm den Mund öffnete und wieder schloss. Dann streifte die Kamera durch die leeren Reihen. Viel Publikum würde sie
     nicht haben. Sie sah den Fraktionsvorsitzenden, der mit sturem Blick in Akten blätterte und so tat, als höre er der Rede des
     Abgeordneten der Opposition nicht zu.
    Rituale, dachte sie. Sie geben Sicherheit.
    Der Druck in ihrer Brust wurde heftiger. Ihr war, als läge im Inneren ihres Bustkorbes ein Gummireifen, der langsam aufgeblasen
     wurde und nach außen drängte. Eine Panikattacke erfasste sie, doch sie zwang sich zur Ruhe. Sie atmete heftig, aber das Gefühl,
     jemand drehe ihr langsam, aber systematisch die Luft ab, steigerte sich.
    Das Telefon klingelte. Sie wollte nicht abnehmen, dachte dann aber, es könne der Fraktionsgeschäftsführer sein, der sie zu
     ihrem Auftritt im Plenum rief.
    Sie nahm den Hörer ab.
    »Schöllkopf.«
    Am anderen Ende der Leitung meldete sich niemand. Sie hörte Straßengeräusche.
    »Hallo?«
    »Spreche ich mit Angelika Schöllkopf, der Abgeordneten?«, fragte eine Männerstimme.
    »Ja.«
    Die Verbindung brach ab.
    Sicher ein Journalist, dachte sie. Ein ausgedehnter Schmerz bohrte sich in ihre Schulterblätter.
    Mit der Rechten musste sie sich aufstützen, als sie aufstand, um zu dem Waschbecken am anderen Ende ihres Büros zu gehen.
     Sie betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Blass und fahl. Sie griff zu ihrer Schminktasche. Legte Concealer, Puder und Rouge
     auf. Es strengte sie an. Aber nun sah sie besser aus. Das Telefon klingelte erneut.
    Sie nahm ab.
    »Ich komme«, sagte sie.
    Noch ein Blick zum Fernseher. Eine Abgeordnete der Grünen sprach schnell und hob nun die Hände mit einer pathetischen Geste,
     als stände sie vor Tausenden auf dem Marktplatz und nicht vor einem fast leeren Plenarsaal. Die übliche Methode, interessante
     Fernsehbilder zu erzeugen, die es dann bis in die Tagesschau schaffen.
    Niemand erwartete etwas Besonderes. Heute war Freitag, die Sitzungswoche ging zu Ende, und viele Abgeordnete waren schon abgereist.
     Über alle Gesetze, die heute verabschiedet wurden, war bereits in den Ausschüssen abgestimmt worden. Parlamentarische Alltagsarbeit.
     Nichts Aufregendes. Auf der Regierungsbank saß nur der Akten lesende Innenminister und in den hinteren Bänken drei oder vier
     Staatssekretäre.
    Sie verzog ihr Gesicht zu einem Lächeln, aber es wirkte gequält. Der Reifen in ihrer Brust dehnte sich weiter.
    Langsam einatmen. Tief durch die Nase einatmen.
    Ihr Bauch hob sich. Sie machte alles genau so, wie der Yogalehrer es ihr beigebracht hatte.
    Ausatmen. Langsam ausatmen. Durch den Mund. Augen schließen.
    Noch ehe ihre Lungen die verbrauchte Luft ausgestoßen hatten, wusste sie, dass ihr das bewusste Atmen nicht helfen würde.
     Sie konnte sich nicht konzentrieren. Das Herz. Es schlug mit wuchtigem Trommeln gegen die Brust. Sie hatte Angst.
    Gottserbärmliche Angst.
    Es wird Zeit.
    Ob das Make-up halten wird?
    Sie straffte sich, nahm die beiden Blätter, auf denen sie ihre Rede notiert hatte, und verließ das Büro.
    Mit dem Aufzug fuhr die Abgeordnete Angelika Schöllkopf in die Halle des Paul-Löbe-Hauses. Heute hatte sie kein Auge für die
     Schönheit der Halle, die Eleganz des Gebäudes, die jeden Besucher die Größe des umbauten Raumes vergessen ließ. Vor einem
     der zylinderförmigen Ausschussräume ließ sie sich in einen der schwarzen Ledersessel sinken und ruhte sich für einen kurzen
     Moment aus. Der Kollege Keetenheuve von der anderen Partei kam ihr entgegen, ins Gespräch vertieft mit Korodin vom

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