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Finnisches Roulette

Finnisches Roulette

Titel: Finnisches Roulette
Autoren: Taavi Soininvaara
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für den heutigen Nachmittag eine geschäftliche Besprechung vereinbart und so einem Finnen den Mittsommertag verdorben hatte? Die Ausländer begriffen nicht, daß Mittsommer für viele Finnen die einzige Gelegenheit im ganzen Jahr bedeutete, den Waldmenschen, der tief in ihnen steckte, herauszulassen. – Wo saßen bloß alle vier Aufzüge fest?
    »… Luca Brasi sleeps with the fishes.«
Rossi ahmte den tiefen Tonfall des Mafioso Clemenza so leise nach, daß er die Worte selbst nicht hörte. Die Szenen aus dem ersten Teil des »Paten« gingen ihm immer noch durch den Kopf.
    Endlich ertönte das Klingeln des Aufzugs. Rossi griffnach seinen gefüllten Einkaufsbeuteln und hob sie gerade an, als sich ein eleganter graumelierter Herr im dunklen Anzug an ihm vorbei in den Aufzug drängte.
»Excuse me«,
sagte der Mann schnaufend, stellte seine Ledertasche auf den Fußboden und wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom braungebrannten Gesicht. Er schnappte gierig nach Luft und riß sich den weinroten Seidenschal vom Hals. Am Revers seiner Jacke glänzte der Anstecker irgendeiner Organisation. Besorgt dachte Rossi, der Opa sollte lieber nicht draußen herumrennen bei der Hitze, die so schwül war wie die Atmosphäre einer Erweckungsfeier.
    Endlich ruckte der Aufzug an und fuhr los. Der Ausländer öffnete den obersten Hemdknopf und zerrte den Schlipsknoten auf. Plötzlich wurde er ganz blaß, hörte auf zu schnaufen und riß sein Hemd so heftig auf, daß die Knöpfe wegflogen und klirrend an die Aluminiumwand des Aufzugs prallten. Dann sank der alte Herr in die Knie, preßte die Hände auf die Brust und schnappte verzweifelt nach Luft.
    Sami Rossi ließ die Einkaufsbeutel fallen und beugte sich vor, um dem Mann zu helfen, als die mit Leberflecken bedeckte Hand des Gentlemans nach oben zuckte und wie im Krampf den Nothalteknopf drückte. Man hörte, wie Metall knirschte, der Aufzug schwankte und blieb stehen. Der Mann zog Rossi am Kragen zu sich herunter auf die Knie. Seine Augen waren weit aufgerissen, er faßte sich an die Brust und griff mit der anderen Hand nach seiner Tasche.
    Als Rossi hastig das Handy aus der Tasche holte, packte der Mann sein Handgelenk.
    »Nein. Warten Sie. Diese Tasche darf nicht … ich will nicht, daß sie der Polizei in die Hände fällt. Wenn ich sterbe, wird sie sicherlich durchsucht.« Der Mann keuchte und preßte beim Sprechen die Zähne zusammen. Der Schweiß lief ihm in Strömen über das bleiche Gesicht.
    Verblüfft öffnete Rossi den Mund, um eine Frage zu stellen, aber der Ausländer kam ihm zuvor. »In der Tasche sind meine dienstlichen Unterlagen und fünfzigtausend Euro. Sie bekommen die Hälfte des Geldes, wenn Sie die Tasche für mich aufbewahren. Ich will keinen Skandal, ich bin Diplomat.«
    Rossi wußte nicht, was er tun sollte. Der Opa würde doch hier im Aufzug sterben, wenn ihm nicht sofort geholfen wurde. Dann schoß ihm durch den Kopf, daß die Hälfte von fünfzigtausend Euro immer noch eine ganze Menge Geld bedeutete. Er verwarf den Gedanken und wählte auf dem Handy die Notrufnummer, aber der Diplomat ergriff das Telefon, ließ es auf den Fußboden fallen und öffnete mit zitternden Händen seine Tasche.
    »Sehen Sie. Nur Unterlagen und das Geld. Sonst nichts. Hier ist meine Visitenkarte. Rufen Sie die Nummer auf dem karierten Papier an, wenn Sie am Wochenende nichts von mir hören. Ich bitte Sie …«
    Rossi zögerte immer noch. Sein Gehirn arbeitete angestrengt, aber es kam nichts dabei heraus. Er war nicht imstande, zu entscheiden, was er tun sollte, und Laura war nicht da und konnte ihm keinen Rat geben. Rossi drehte die Tasche zu sich hin, nahm ein dickes Bündel Banknoten in die Hand und stellte überrascht fest, wie schwer es war. Hinter dem ledernen Zwischenboden der Tasche steckte die Visitenkarte: »Dr. Dietmar C. Berninger, Gesandter und Botschaftsrat, Chef der politischen Abteilung, Deutsche Botschaft in Helsinki«. Rossi schaute den Diplomaten an, der noch bleicher geworden war. Der Mann brauchte ärztliche Hilfe, und zwar sofort. Und Sami Rossi brauchte Geld.
    »Na gut«, sagte Rossi unsicher. Er nahm die Tasche, griff nach den Henkeln der Einkaufsbeutel und schlug mit der Faust auf den Knopf der dritten Etage.
    Als sich die Tür mit einem Rauschen öffnete, drückte Rossi den Nothalteknopf, um zu verhindern, daß der Lift weiterfuhr, dann rannte er los. Auf dem Platz, dem Kukontori, war von den Männern im Overall des Wachdienstes noch nichts zu

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