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Elf Arten der Einsamkeit - Short stories

Titel: Elf Arten der Einsamkeit - Short stories
Autoren: Richard Yates
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Doktor Schleckermaul

    Miss Price wußte von dem neuen Jungen bloß, daß er sein Leben größtenteils in einem Waisenhaus verbracht hatte und daß »Tante und Onkel«, die grauhaarigen Leute, bei denen er inzwischen wohnte, die rechtmäßigen, vom Wohlfahrtsamt der Stadt New York bezahlten Pflegeeltern waren. Ein weniger engagierter oder weniger phantasie- voller Lehrer hätte vielleicht auf mehr Einzelheiten ge- drängt, aber Miss Price war mit diesem schlichten Über- blick zufrieden. Ja, er genügte, um sie mit dem Gefühl eines Auftrags zu erfüllen, was ihre Augen schon am ersten Morgen, beim Eintritt des Jungen in die vierte Klasse, hell wie die Liebe leuchten ließ.
     Er kam früh und setzte sich in die hinterste Reihe, ker- zengerade, mit exakt unter dem Tisch gekreuzten Füßen, die Hände mitten auf der Schreibplatte verschränkt – als mache ihn die Symmetrie weniger verdächtig; als die übrigen Kinder hintereinander hereinmarschierten und ihre Plätze einnahmen, bedachte ihn jeder mit einem langen, ausdruckslosen Blick.
     »Wir haben heute morgen einen neuen Klassenkamera- den«, sagte Miss Price; sie brachte das Offensichtliche so betont hervor, daß alle am liebsten gekichert hätten. »Er heißt Vincent Sabella und kommt aus New York City. Ich weiß, wir werden unser Bestes tun, damit er sich wie zu Hause fühlt.«
     Hierauf fuhren die Mitschüler herum und starrten ihn an, so daß er den Kopf ein wenig einzog und auf seinem Sitz hin und her rutschte. Normalerweise trug der Um- stand, daß einer aus New York kam, dem Betreffenden ein gewisses Prestige ein, denn für die meisten Kinder war die Stadt ein ehrfurchtgebietender Ort für Erwachsene, der ihre Väter tagtäglich verschluckte und den sie nur selten, und dann in den besten Kleidern, zum Vergnügen besuchen durften. Andererseits war auf den ersten Blick zu erkennen, daß Vincent Sabeila überhaupt nichts mit Wolkenkratzern zu tun hatte. Auch ohne sein verfilztes schwarzes Haar und die graue Haut hätte ihn seine Auf- machung verraten: eine lachhaft neue Cordhose, lach- haft alte Turnschuhe und ein gelbes, viel zu kleines Sweat- shirt, auf dessen Vorderseite die kargen Überreste einer aufgedruckten Mickymaus zu sehen waren. Er stammte eindeutig aus jenem Viertel von New York, das man durch- queren mußte, wenn man mit der Bahn in Richtung Grand Central unterwegs war – aus jenem Viertel, wo die Leute ihr Bettzeug über die Fenstersimse hängten und sich den ganzen Tag von Langeweile benebelt hin- auslehnten und wo man nichts als schnurgerade, tiefe Straßenzüge sah, die sich im Wirrwarr der Gehwege alle- samt ähnelten und in denen es von graugesichtigen, in irgendein hoffnungsloses Ballspiel vertieften Jungen wim- melte.
     Die Mädchen fanden ihn nicht besonders hübsch und wandten sich ab; die Jungen hingegen setzten ihre Mu- sterung fort und begutachteten ihn mit leisem Grinsen von oben bis unten. Er zählte zu der Sorte von Jungen, die sie gewöhnlich für »knallhart« hielten, zu der Sorte, deren Blick ihnen in unvertrauter Umgebung schon so manches Mal Unbehagen bereitet hatte; hier bot sich eine einzigartige Chance zur Vergeltung.
     »Wie sollen wir denn zu dir sagen – Vincent?« erkun- digte sich Miss Price. »Ich meine, was ist dir lieber, Vin- cent oder Vince oder ... oder wie?« (Es war eine rein akade- mische Frage; auch Miss Price wußte, die Jungen würden »Sabella« zu ihm sagen, und die Mädchen würden ihn überhaupt nicht ansprechen.)
     »Vinny's okay«, antwortete er mit sonderbar krächzen- der Stimme, die sich in den häßlichen Straßen seines Viertels offenbar heiser geschrien hatte.
     »Ich habe dich leider nicht verstanden«, sagte Miss Price und reckte den hübschen Kopf seitwärts nach vorne, so daß ihr Haar ein Stück über die Schulter wogte. »Sagtest du Vince?«
     »Vinny's recht«, wiederholte er und rutschte unruhig hin und her.
     »Vincent, ja? Na schön, also dann Vincent.« Ein paar Mitschüler kicherten, aber keinem wäre es eingefallen, die Lehrerin zu korrigieren; der Spaß würde größer sein, wenn man das Mißverständnis stehen ließ.
     »Ich mache mir nicht die Mühe, dir jeden einzelnen hier mit Namen vorzustellen, Vincent«, fuhr Miss Price fort, »im Lauf des Unterrichts lernst du ja die Namen sowieso kennen, oder? Und wir erwarten auch nicht, daß du schon am ersten Tag oder so richtig mitarbeitest; laß dir nur Zeit, und wenn du etwas nicht gleich verstehst, dann genier dich

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