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Eiswind - Gladow, S: Eiswind

Titel: Eiswind - Gladow, S: Eiswind
Autoren: Sandra Gladow
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PROLOG
    S ie manövrierte ihren alten Jeep durch die zahllosen Pfützen des menschenleeren Parkplatzes und brachte ihn schließlich am Rande des angrenzenden Waldgebiets zum Stehen. Es war kalt. Seit Tagen schon zeigte sich der Himmel grau und unversöhnlich, als wolle er die Sonne für immer unter einer undurchdringlichen grauen Wolkendecke vergraben. Fröstelnd zog sie den Reißverschluss ihres orangefarbenen Lauftrikots bis zum Hals hinauf.
    »Geht ja gleich los«, beschwichtigte sie ihren Labrador, der mit einem gewaltigen Satz aus dem Heckraum des Wagens sprang und sie sofort freudig bellend umkreiste. Angesichts des eisigen Nieselwetters hatte sich kaum ein Spaziergänger in den Wald verirrt. Einige Meter von ihrem Wagen entfernt stand nur der graue 3er BMW eines ihr vom Ansehen bekannten knöchernen Schnösels, der ihr morgens häufig mit seiner Dackelhündin begegnete.
    »Also los«, befahl sie, deutete mit dem rechten Arm in Richtung Waldweg und rannte los. Der junge Rüde stob mit kraftvollen Sätzen durch die Pfützen davon. Sie sog den Duft der feuchten Tannennadeln ein und lauschte dem Rhythmus ihres ruhiger werdenden
Atems. Der Streit mit Alex hatte sie wieder einmal fürchterlich ermüdet, und das Laufen in der frischen Luft schenkte ihr neue Kraft. Sie war froh, joggen gegangen zu sein, obwohl die Schatten der Bäume und die Geräusche des Waldes ihr an Tagen wie diesem immer ein wenig gespenstisch vorkamen.
    Ein aus dem Dickicht aufflatternder Vogel ließ sie aufschrecken. Wie albern hysterisch ich bin, dachte sie verärgert, als ihr Herz schneller zu schlagen begann und ihr den Atem nahm.
    Ihr Hund stand ein Stück voraus am Wegrand und lauschte in das Dickicht. Jede Faser seines jungen, muskulösen Körpers schien gespannt zu sein. Sie erkannte die Haltung, die er immer einnahm, wenn er Witterung aufgenommen hatte.
    »Bruno!«, rief sie mahnend und hatte es kaum ausgesprochen, als er auch schon losraste und zwischen den Bäumen im Wald verschwand.
    »Mist«, fluchte sie. Sie hatte nicht die geringste Lust, auch nur eine Minute auf ihn zu warten. Sie hielt sich so nah es ging am Wegrand, um ihn im Dickicht besser erspähen zu können. Immer wieder rief sie seinen Namen. Der Ärger in ihrer Stimme wich dabei mehr und mehr der Angst, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Das passt nicht zu ihm, fuhr es ihr durch den Kopf.
    Ein Rascheln hinter ihr ließ sie aufhorchen, und sie fuhr herum. Zu ihrer Enttäuschung war er immer noch nicht zu sehen, aber sie meinte, zwischen den Bäumen eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Sie versuchte,
den plötzlich in ihr aufkeimenden Gedanken abzuschütteln, dass sie beobachtet wurde. Wahrscheinlich ist der BMW-Schnösel mal wieder seinem unerzogenen Dackel nachgestiegen und versucht nun, ihn aus irgendeinem Kaninchenbau herauszuoperieren, sagte sie sich. Obwohl ihr das am wahrscheinlichsten schien, gelang es ihr nicht recht, sich zu beruhigen. Ihr Instinkt signalisierte Gefahr. Sie wischte ihre Angst beiseite und entschloss sich, dort, wo sie ihren Hund aus dem Blickfeld verloren hatte, ein Stück in das Dickicht hineinzugehen.
    Sie fror erbärmlich, während sie durch das Gehölz stolperte. Ihre Kleidung war inzwischen derart durchnässt, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte als eine heiße Dusche.
    Endlich konnte sie in einiger Entfernung das dunkle Fell ihres Vierbeiners ausmachen. »Was hast du da zum Teufel?«, fuhr sie ihn mit zusammengekniffenen Augen an.
    Ist ja ekelhaft, dachte sie angewidert und streckte ihre Hand nach seinem Nacken aus, um ihn von dem undefinierbaren Fleischbrocken zu trennen, den er herunterzuwürgen drohte. Verzweifelt zerrte sie an seinem Halsband, während sie gleichzeitig versuchte, ihm die stinkende Beute zu entreißen, um die er so erbittert kämpfte. »Aus, verdammt!«, brüllte sie hysterisch. Sie weinte fast und fühlte sich kaum noch in der Lage, den Brechreiz zu unterdrücken.
    Aufgrund der in ihr aufkeimenden Panik merkte sie nicht, dass plötzlich jemand hinter sie trat. Erst als sie
den heißen, nach Alkohol riechenden Atem wie einen Windhauch in ihrem Nacken spürte, fuhr sie herum und war außerstande, sich auch nur einen Zentimeter vom Fleck zu bewegen.
    Der Mund ihres Gegenübers verzog sich zu einem bizarren Grinsen, und die Kälte seiner Augen schien ihren Körper gefrieren zu lassen. Sie war unfähig zu fliehen. Ihre Beine gehorchten den verzweifelten Befehlen ihres Gehirns nicht, und auch die Arme versagten

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