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Eiskalte Verfuehrung

Eiskalte Verfuehrung

Titel: Eiskalte Verfuehrung
Autoren: Linda Howard
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unglaubliche Zuneigung und schon fast so etwas wie Erleichterung sehen. Gabriel befreite sich aus den Klauen der Vorzimmertyrannen, um auf ihn zuzugehen. Er tauschte mit seinem Vater eine kurze Umarmung aus, sie klopften einander auf den Rücken, dann sagte Harlan: »Ich bin froh, dass du es geschafft hast. Das Wetter wird jeden Moment umschlagen, es soll grauenhaft werden, und ich brauche Hilfe.«
    Gabriels Alarmbereitschaft rauschte noch ein paar Grad nach oben. Wenn Harlan McQueen zugab, dass er Hilfe brauchte, dann braute sich ernstlich etwas zusammen.
    »Darauf kannst du zählen«, sagte er, als sie in Harlans Büro hineingingen – es war eher beengt als geräumig. Das County hatte die Büros der Dienststelle nicht gerade üppig bemessen, das stand mit Sicherheit fest. »Was ist los?«
    Der scharfe Blick seines Vaters verriet, dass er Gabriels spontane Unterstützung und seine Bereitschaft zum Handeln zu schätzen wusste. Als er jünger war, hatte seine natürliche Neigung, ständig irgendetwas für irgendjemanden zu tun, ihm manchmal den »Hintern auf Grundeis gehen« lassen, wie man in Maine zu sagen pflegte. Als Sergeant bei der Militärpolizei war er dann in der Lage gewesen, seine Aggression und Entschlossenheit auf den Job zu richten; das war gut für ihn und für die Armee auch.
    »Diese verfluchte Wetterfront kommt uns in die Quere«, sagte Harlan kurz angebunden. »Wir sollten Schnee kriegen, das Eis sollte im Nordosten bleiben, aber jetzt sagt das Wetteramt, dass es einen Eissturm geben wird – und was für einen! Sie haben vor gut einer Stunde eine Unwetterwarnung herausgegeben, und wir bemühen uns, dass wir in die Gänge kommen; außerdem ist ein Unfall passiert, der gleich drei Hilfssheriffs beschäftigt, und dabei kann ich noch nicht mal einen entbehren.«
    Verdammt, ein Eissturm . Gabriel war jetzt in höchster Alarmbereitschaft. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt, seine Haltung vollzog langsam eine Veränderung, als würde er es mit dem Unwetter bei einer Schlägerei ohne Boxhandschuhe aufnehmen. Ein Eissturm war zehnmal schlimmer als ein Schneesturm, jedenfalls was die Schäden anging. In den letzten zehn oder zwölf Jahren war Maine zweimal mit Eis geschlagen gewesen, aber in beiden Fällen hatte das Unwetter ihre Gegend verschont. Damals war das gut, jetzt allerdings schlecht, denn es bedeutete, dass ein Großteil der morschen, geschwächten Bäume, die es damals nicht erwischt hatte, nun unter dem Gewicht des Eises zusammenbrechen und Autos und Häuser zertrümmern, elektrische Leitungen niederreißen und hunderte Quadratmeilen in Kälte und Dunkelheit tauchen würde. Ein Eissturm war wie ein Hurrikan aus Kristallen – er zerstörte alles, womit er in Berührung kam.
    »Was kann ich tun?«
    »Fahr zum Haus der Heltons raus und schau nach Lolly. Ich hab sie nicht an ihr Handy gekriegt, und womöglich weiß sie gar nicht, dass diese Wetterfront jetzt den Weg in unsere Richtung nimmt.«
    Lolly Helton? Gabriel konnte ein Stöhnen gerade noch unterdrücken. Ausgerechnet die.
    »Was macht sie denn hier?«, fragte er und versuchte, die plötzliche Feindseligkeit zu kaschieren, die Lolly Helton immer bei ihm auslöste. »Ich dachte, die ganze Familie wäre weggezogen.«
    »Ist sie auch, aber sie haben das Haus für die Sommerferien behalten. Jetzt spielen sie mit dem Gedanken, es zu verkaufen, und Lolly ist hier, um die Möglichkeiten zu sondieren, aber, verdammt, was für einen Unterschied macht das schon? Sie ist allein da draußen und hat keinerlei Möglichkeit, Hilfe zu rufen, falls ihr etwas zustößt.«
    Trotz seines Widerwillens, sich ausgerechnet für Lolly Helton einsetzen zu müssen, erfasste Gabriel sofort die Logik seines Vaters. Jemand, der nicht aus Maine stammte, war womöglich nicht in der Lage, zwischen den Zeilen zu lesen, er hingegen konnte das sehr wohl. Handys funktionierten in dieser Gegend bestenfalls hin und wieder. Wäre Lolly in der Stadt in Sicherheit, dann hätte Harlan sie telefonisch erreicht, aber draußen bei den Heltons taugte ein Handy zu gar nichts – außer um damit nach jemandem zu werfen, vielleicht. Und da momentan niemand in dem alten Haus wohnte, war die Festnetzleitung längst abgeschaltet worden. Vermutlich konnte man aus dem gleichen Grund nicht mal fernsehen. Wenn Lolly nicht gerade in die Stadt fuhr und Autoradio hörte, hatte sie von der drohenden Katastrophe keine Ahnung.
    Mist. Da gab es keinen Ausweg. Er musste nach ihr schauen.
    »Ich

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