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Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Titel: Eine Geschichte von Liebe und Feuer
Autoren: Victoria Hislop
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herrschten vierzig Grad im Schatten, und die Leute schlossen Fenster und Läden, um die schreckliche Glut auszusperren.
    Es wehte zwar eine leichte Brise, aber selbst die verschaffte keine Erleichterung: Der Westwind Vardaris blies seinen glühenden Atem in die Stadt und trug Schwaden feinen, schwarzen Staubs in die Häuser der Menschen. Um die Mittagszeit, wenn die Hitze am schlimmsten war, wirkten die Straßen wie ausgestorben, und ein Reisender hätte meinen können, die Stadt sei aufgegeben worden. Im Innern der Häuser war es genauso still, weil die Bewohner im Dunkeln lagen und kaum Luft zu holen wagten, um die staubige Luft nicht einzuatmen.
    Selbst die Nacht brachte wenig Abkühlung, denn die Luft blieb so unbeweglich wie der Zeiger des Barometers.
    Konstantinos Komninos’ Rückreise aus der Türkei hatte sich verzögert, aber Anfang des Monats traf er schließlich zu Hause ein. Olga hatte inzwischen das Gefühl, ihre Schwangerschaft dauerte schon ihr Leben lang an. Ihre zarten Fußgelenke waren angeschwollen, und ihre einst wohlgeformten zarten Brüste sprengten nun jedes Kleid, das für die Zeit vor der Niederkunft angefertigt worden war. Konstantinos riet ihr davon ab, sich etwas Neues nähen zu lassen, also trug sie ein weites Baumwollnachthemd, das ihr selbst dann noch genügend Platz böte, wenn sie in den letzten fünf Wochen ihrer Schwangerschaft weiter zunehmen sollte.
    Ein paar Tage nach seiner Rückkehr bezog Konstantinos ein anderes Schlafzimmer.
    Â»Du brauchst mehr Platz«, sagte er zu Olga. »Du hast es nicht bequem, wenn ich die Hälfte des Betts einnehme.«
    Olga erhob keine Einwände. Jede Nacht fühlte sie sich noch schlechter als in der vorherigen, und selten schlief sie mehr als eine Stunde. Sie lag auf dem Rücken, starrte ins pechschwarze Dunkel und spürte die heftigen Stöße des Babys in ihrem Bauch. Es waren kraftvolle, regelmäßige Bewegungen. Manchmal schienen sich alle Gliedmaßen des Kinds gleichzeitig zu bewegen, und sie stellte sich vor, wie stark der Junge sein würde, wie lebhaft und energisch. Den Gedanken, dass es ein Mädchen werden könnte, gestattete sie sich nie, da sie Konstantinos’ Reaktion fürchtete. Sie hatte seine Erwartungen ohnehin schon enttäuscht, weil sie erst jetzt schwanger geworden war, und ihr Mann hatte kein Hehl aus seiner Ungeduld gemacht. Sie war Mitte zwanzig, als sie heirateten, und mehr als ein Jahrzehnt war vergangen, bevor der Arzt bestätigte, dass sie sich im vierten Monat befand und alles in Ordnung zu sein schien. Im Lauf der dazwischenliegenden Dekade hatte es mehrmals Zeiten gegeben, in denen sie ganz sicher glaubte, schwanger zu sein. Ihr Herz machte jedes Mal einen Freudensprung, aber dann setzten nach einem oder zwei Monaten Blutungen ein, und sie war am Boden zerstört.
    Ihre Hand ruhte jetzt auf dem vorgewölbten Bauch, und sie spürte die Stöße des Kindes kurz hintereinander. Wenn es doch nur endlich käme, dachte sie und sang, als wollte sie es beschwichtigen, vielleicht aber auch, um sich selbst zu beruhigen.
    Eine Uhr tickte auf dem Kaminsims ihres Schlafzimmers, eine andere in der Diele und eine weitere im Salon, und sie zählte die Schläge, bis sie endlich aufstehen konnte.
    Es stimmte zwar, dass Olga mehr Platz im Bett brauchte, aber ausschlaggebend war letztlich Konstantinos’ Abscheu vor ihrem veränderten Körper. Er erkannte die Frau, die sie geworden war, kaum mehr wieder. Wie hatte sich das Mannequin mit den schmalen Hüften und der gertenschlanken Taille, das er geheiratet hatte, in jemanden verwandeln können, den er nicht mehr berühren wollte? Er fühlte sich abgestoßen von dem aufgedunsenen Leib mit der gespannten Haut und den riesigen dunklen Brustwarzen.
    In diesen letzten Wochen, während sie schlaflos dalag und die Schläge der Uhren zählte, konnte sie oft leise tappende Schritte auf der Treppe hören und das fast lautlose Schließen einer Tür am Ende des Korridors. Sie nahm an, dass Konstantinos hinausschlüpfte, nachdem sie zu Bett gegangen war, und heimlich eines der eleganteren Bordelle der Stadt aufsuchte. Nicht einen Moment glaubte sie, das Recht zu haben, dagegen zu protestieren. Vielleicht, so hoffte sie, würde sie eines Tages seine Aufmerksamkeit wieder zurückgewinnen.
    Olga wusste, dass Konstantinos sie wegen ihrer Schönheit geheiratet hatte. Er hatte

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