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Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Eine Geschichte von Liebe und Feuer

Titel: Eine Geschichte von Liebe und Feuer
Autoren: Victoria Hislop
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Panagia mou! Ich dachte, Sie wären gefallen! So laut hat es gepoltert.«
    Vollkommen verwirrt und noch nicht ganz wieder bei sich öffnete Olga die Augen und sah ins Gesicht ihrer Haushälterin. Pavlina kniete neben ihr und schaute sie besorgt an. Hinter ihr blähte sich der bodenlange Vorhang wie ein gro ßes Segel, bis eine heftige Bö ihn schließlich anhob und waage recht in den Raum blies. Ein Zipfel davon reichte bis zu einem kleinen runden Tisch und fegte über die leere Platte.
    Orientierungslos und schwindlig begann Olga zu begreifen, was der Grund für das Gepolter war, das sie aufgeweckt hatte. Sie strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte sich mühsam auf.
    Sie sah die Scherben von zwei Porzellanfiguren im Raum verstreut, abgeschlagene Köpfe und Hände, Kunstobjekte, Tausende von Drachmen wert. Das Gewicht des Damastvorhangs und die Macht des Sturms hatten sie gnadenlos zu Boden gefegt.
    Mit dem Handrücken wischte sie sich über das feuchte Gesicht und fühlte, dass ihr immer noch Tränen über die Wangen liefen. »Pavlina, wo ist das Baby?«, stieß sie ängstlich hervor.
    Pavlina betastete den Bauch ihrer Herrin und dann ihre Stirn.
    Â»Es ist noch da! So viel steht fest!«, sagte sie fröhlich. »Aber Sie sind ein bisschen heiß … und auch ziemlich verschwitzt!«
    Â»Ich glaube, ich hatte einen schlechten Traum …«, flüsterte Olga. »Er hat sich so wirklich angefühlt.«
    Â»Vielleicht soll ich nach dem Arzt schicken …?«
    Â»Das ist nicht nötig. Ich bin sicher, dass alles in Ordnung ist.«
    Pavlina beugte sich nieder, um die Scherben aufzusammeln. Eine einzelne Figur zu reparieren wäre eine Herausforderung für einen Experten gewesen, aber die durcheinandergewürfelten Teile von zweien wieder zusammenzusetzen war ein Ding der Unmöglichkeit.
    Â»Es ist doch nur Porzellan«, versuchte Olga sie zu beruhigen, als sie sah, wie erschrocken Pavlina war.
    Aber Pavlina lebte schon viel länger im Haushalt der Komninos als Olga und wusste, welch großer Wert auf solche Sammlerstücke gelegt wurde. Sie hastete zu den Fenstertüren hinüber und machte sie zu. Der Regen hatte einen Flecken auf dem Teppich hinterlassen, und sie sah, dass auch der Saum von Olgas feinem Seidenkleid durchnässt war.
    Â»Du meine Güte«, jammerte sie, »ich hätte früher raufkommen sollen. Hier herrscht ja ein schreckliches Durcheinander.«
    Â»Mach sie bitte nicht zu«, flehte Olga, die jetzt neben ihr stand und den Sprühregen auf dem Gesicht genoss. »Es kühlt so schön. Der Teppich trocknet wieder, sobald es aufgehört hat. Es ist ja immer noch warm.«
    Pavlina war an Olgas gelegentlich überspanntes Verhalten gewöhnt, das ihr allerdings weitaus lieber war als die Strenge, mit der Olgas Schwiegermutter, die verstorbene Kyria Komninou, das Haus regiert hatte.
    Â»Also gut, solange Sie nicht zu nass werden«, antwortete sie mit einem nachsichtigen Lächeln. »Sie wollen sich doch keine Erkältung holen in Ihrem Zustand.«
    Olga ließ sich etwas weiter von der Fenstern entfernt in einem anderen Sessel nieder und beobachtete Pavlina, die sorgfältig die Porzellanscherben einsammelte. Selbst wenn sie in der Lage gewesen wäre, sich zu bücken, hätte Pavlina ihr nicht erlaubt zu helfen.
    Hinter der ausladenden Gestalt ihrer knienden Haushälterin konnte Olga das aufgewühlte Meer sehen. Ein paar vereinzelte Schiffe waren draußen, kaum sichtbar in dem Gewitter, und nur gelegentlich durch einen Blitzstrahl beleuchtet.
    Die reich verzierte Uhr auf dem Kaminsims schlug sieben. Konstantinos war jetzt schon seit mehr als einer Stunde auf See. Größere Schiffe wurden von solchen Unwettern selten aufgehalten.
    Â»Wenn der Wind aus der richtigen Richtung kommt, dann könnte er Kyrios Konstantinos’ Fahrt sogar beschleunigen«, meinte Pavlina.
    Â»Wahrscheinlich«, antwortete Olga abwesend, die im Moment nur das Strampeln in ihrem Bauch wahrnahm. Sie liebte ihr ungeborenes Kind über alles und stellte sich vor, wie es mühelos in der klaren Flüssigkeit ihres Leibes herumschwamm. Tränen, die sich mit versprühter Gischt vermengt hatten, rannen ihr übers Gesicht.

2
    S obald im August die fieberheißen Temperaturen einsetzten, erinnerten sich die Einwohner Thessalonikis voller Wehmut an die laue Wärme im Mai. Inzwischen

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