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Ein altes Haus am Hudson River

Ein altes Haus am Hudson River

Titel: Ein altes Haus am Hudson River
Autoren: Edith Wharton
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    Nach wie vor dümpelte Crampton unfertig, muffig und nichtssagend unterhalb der Gewinnzone vor sich hin. Inzwischen fuhr die Straßenbahn hinaus, aber nur wenige Ansiedler waren ihr gefolgt. Lorin Weston, nach allgemeiner Ansicht der hellsichtigste Immobilienmakler in Drake County, glaubte freilich noch immer an Crampton und hielt die Hoffnungen der dorthin gelockten Investoren weiterhin am Köcheln. Weil er so sehr daran glaubte, sprossen an der Straße nach Euphoria eine Reihe billiger Häuschen empor, und das Maklerauge erblickte in der Ferne bereits Garagen und Rasenmäher.
    Eines warmen Frühlingstages marschierte Vance Weston zwischen den Wagenspuren dahin, vorbei an den Feldern einer schwedischen Gärtnerei und an grünen Weideflächen, die auf den Bauboom warteten. An solchen Tagen gefiel ihm das erwartungsvolle Hoffen von Crampton besser als die Perfektion von Euphoria – an den Tagen des urplötzlichen Präriefrühlings, wenn der Flieder im Vorgarten seiner Großmutter aufbrach und die Ahornbäume am Fluss sich mit rosigen Fransen schmückten, wenn die Erde pochte vor Erneuerung und die schweren weißen Wolken wie Herden trächtiger Mutterschafe über den Himmel zogen. In einer Baumgruppe am Wegesrand versuchte sich ein Vogel wieder und wieder an einem leisen Lied, und in den Straßengräben übersäte ein für Vance namenloses Unkraut den Schlamm mit glänzenden Blättern und goldenen Kelchen. Er spürte ein leidenschaftliches Verlangen, die erwachende Erde und alles, was sich darin regte und schwoll, zu umarmen. Es ärgerte ihn, dass er nicht wusste, wie der Vogel oder die gelben Blumen hießen.«Ich würde gern allem seinen richtigen Namen geben und wissen wollen, warum dieser Name der richtige ist», dachte er. Den Namen hatte er immer als wesentlichen und geheimnisvollen Bestandteil eines jeden Dings empfunden, so wesentlich wie für ihn seine Haut oder seine Wimpern. Was nützte alles, was er in der Schule gelernt hatte, wenn die einfachsten Gegenstände auf dieser vertrauten Erde so fern und unerklärlich waren? Es gab botanische Leitfäden und wissenschaftliche Bücher über die Form und Bewegung von Wolken, aber was er zu erreichen suchte, das ging tiefer, das war etwas, was zu den Blumen und Wolken gehört haben musste, bevor Menschen geboren waren, die sie zergliederten. Außerdem war er nicht in der Stimmung für Bücher, wenn ihn diese Frühlingsluft streichelte …
    In einer Seitenstraße zu seiner Rechten stand nach wenigen Metern das baufällige Haus, in dem Harrison Delaney lebte, Floss’ Vater. Harrison Delaney war zwar wie Mr Weston im Immobiliengeschäft tätig, doch unterschied sich seine Karriere in jeder Hinsicht von der seines Gegenspielers, und Mr Weston soll einmal gereizt gesagt haben, dass Delaney in Crampton lebe, genüge schon, um den Boom hinauszuzögern. Harrison Delaney war in der Tat eines jener abschreckenden Beispiele, die dazu dienen, das fade gesellschaftliche Leben in Hunderten von Städten wie Euphoria zu würzen. Es gab keinen einzigen gewitzten Geschäftsmann vor Ort, der nicht die genauen Gründe für sein Versagen hätte nennen können. Es komme alles davon, dass er nie zur Stelle sei, dass er Grundstücksverkäufe, günstige Angebote und Geschäfte aller Art nicht mitbekomme – dass er sozusagen immer verschlafe, wenn er wegen etwas Besonderem hätte aufstehen müssen.
    Fast jede Familie in Vance Westons gesellschaftlichem Umkreis konnte ein abschreckendes Beispiel dieser Art benennen, aber nur wenige waren für diesen Zweck so außergewöhnlich gut geeignet wie der fünfzigjährige Harrison Delaney. Vom ersten Moment an hatte man den Eindruck, dass ihm nie mehr etwas Nennenswertes widerfahren werde. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen, so wie man ein schlecht gehendes Geschäft schließt, und saß nur da mit dem erwartungslosen Blick eines Börsenmaklers in der Sommerfrische, unerreichbar für den Fernschreiber. Genau – das war der richtige Ausdruck! Harrison Delaney sah aus, als wäre er für den Fernschreiber nicht erreichbar. Allerdings bereitete ihm das weder Sorgen noch Verdruss, wie den meisten anderen Männer in einem solchen Fall – es war ihm nur gleichgültig. Ganz egal, was geschah, es war ihm gleichgültig. Er fand, wenn er viel Wirbel darum mache, ändere das die Sache auch nicht – habe sie nie geändert. Als alle Welt darüber sprach, dass Floss mit diesem verheirateten Vertreter aus Chicago ging, der im Laufe des Jahres immer mal

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