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Das Herz

Das Herz

Titel: Das Herz
Autoren: Tad Williams
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Vorspiel
    Er hieß nach den
Tualum,
einer kleinen Antilopenart, die sich in den trockenen Wüstenhügeln tummelte. Seine Mutter hatte als Mädchen oft beobachtet, wie die Tiere zum Fluss herabkamen, um zu trinken: so schlank, so funkeläugig, so mutig. Als sie ihren Sohn zum ersten Mal erblickte, sah sie das alles in ihm. »Tulim«, sagte sie verzückt. »Er soll Tulim heißen.« Sie schrieben es pflichtschuldig auf, als sie ihn ihr wegnahmen und der königlichen Amme übergaben.
    Die früheste Erinnerung des Knaben waren die sonnenuntergangsfarbenen Wandteppiche des Frauenpalasts, wo er seine ersten Lebensjahre unter den Frauen verbrachte, wo ihn liebevolle, gut riechende Ammen in den Armen hielten, wo sie ihm vorsangen und seine kleinen braunen Gliedmaßen mit teuren Salben einrieben. Traurige Momente gab es für den Kleinen nur dann, wenn er wieder in sein Bettchen gelegt wurde und die Ammen eins der anderen kleinen Herrscherkinder heraushoben, um es zu hätscheln und zu liebkosen. Diese Ungerechtigkeit — dass die Aufmerksamkeit, die doch nur ihm allein hätte gelten sollen, auch anderen zuteilwurde — brannte in dem kleinen Tulim wie die Flamme der Lampe, in die er jeden Abend vor dem Einschlafen schaute und die er so genau beobachtete, dass er sie manchmal sogar am hellen Mittag vor seinem inneren Auge sah, so hell, dass sie alles Wirkliche buchstäblich in den Schatten stellte.
    Als Tulim gerade drei Jahre alt geworden war, geschah es, dass er als eine Art Experiment einen der anderen kleinen Prinzen beim gemeinsamen Bad ertränkte. Er wartete, bis sich die Ammen abwandten, um ein Kind zu trösten, das weinte, weil es nassgespritzt worden war. Dann packte er den Kopf seines Bruders Kirgaz, drückte ihn unter das mit Blüten bestreute Wasser und hielt ihn nieder. Die drei, vier anderen Kinder im Badebecken waren so mit Spielen und Spritzen beschäftigt, dass sie es nicht bemerkten.
    Es war seltsam, das verzweifelte Zappeln des Bruders zu fühlen und zu wissen, dass gleich daneben alles ganz normal weiterging — ohne ihn. Die Leute machten so viel Aufhebens um das Leben, aber er, Tulim, konnte es auslöschen, wann immer er wollte. Er sah im Geist wieder die Flamme, doch diesmal war es, als wäre er selbst das Feuer, das so hell brannte und den Rest der Schöpfung in Dunkel tauchte. Es war ein ekstatisches Gefühl.
    Als sich die Ammen schließlich umdrehten, trieb Kirgaz schlaff im Wasser, das Haar wie Seetang, in dem sich helle Blütenblätter verfangen hatten. Sie schrien und zogen ihn heraus, aber es war zu spät. Im Obstgartenpalast lebten viele Prinzen — der Autarch hatte viele Frauen und zeugte viele Kinder —, deshalb war der Verlust dieses einen keine Tragödie, aber die beiden Ammen wurden natürlich sofort hingerichtet. Darüber war Tulim traurig. Die eine hatte ihm abends immer eine süße Honigmilch aus den Palastküchen geschmuggelt. Jetzt musste er ohne diese Leckerei einschlafen.
    Bald schon wurde Tulim zu groß, um weiter im Frauenpalast zu wohnen, also kam er in den Zedernhoftrakt des weitläufigen Obstgartenpalasts, wo jene Knaben, die wie Tulim Söhne des glorreichen Gottkönigs Parnad waren, bis zum Mannesalter erzogen wurden und die Söhne des Hofadels das Privileg genossen, in der Nähe der königlichen Prinzen heranzuwachsen. Hier lebte Tulim zum ersten Mal unter richtigen Männern — den Frauenpalast durften nur die Begünstigten betreten — und lernte vieles: Jagen, Kämpfen und Kriegsgesänge. Langbeinig, hübsch und blitzgescheit, wie er war, fiel er hier auch erstmals den Männern des Obstgartenpalastes auf, sogar, was das Allererstaunlichste war, seinem eigenen Vater.
    Die meisten Söhne Parnads hofften, dass ihr Vater sie nicht bemerkte. Gewiss, einer von ihnen würde eines Tages Parnads Nachfolger werden, aber der Autarch war ein vitaler, kräftiger Mann in den Fünfzigern, also war dieser Tag noch fern, und xixische Thronanwärter hatten die unselige Neigung, Unfälle zu erleiden. Es konnte passieren, dass Parnad höchstselbst befand, dieser oder jener seiner Söhne sei bei den Soldaten oder beim einfachen Volk zu beliebt. Ein solcher Jüngling war als einziger xixischer Kämpfer in einer Seeschlacht mit Piraten vor den westlichen Inseln gefallen. Ein anderer war blau angelaufen und erstickt, nachdem ihn im Yenidos-Gebirge eine Schlange gebissen hatte — mitten im Winter, für Schlangenbisse eine sehr ungewöhnliche Jahreszeit. Daher war keiner der anderen Prinzen allzu

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