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Dunkles Feuer

Dunkles Feuer

Titel: Dunkles Feuer
Autoren: David Kenlock
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Prolog

    Der Mann hetzte durch den feuchten Wald. Er wagte nicht, sich umzusehen. Verzweifelt erkämpfte er sich einen Weg durch das dichte Unterholz. Tiefhängende Äste griffen nach ihm, wie die gierigen Hände von Bettlern. Zweige peitschten ihm ins Gesicht, aber er fühlte es nicht. Der Schmerz würde später kommen.
    Als er stehen blieb, um Luft zu schöpfen, keuchte sein Atem. Seine gequälten Lungen pumpten bei jedem Atemzug, aber er gönnte sich nur eine kurze Rast. Er musste sich ein Versteck suchen.
    Schließlich fand er Schutz hinter dem Stamm einer umgestürzten Schwarzfichte. Der Regen fiel in dicken Tropfen vom bleigrauen Himmel und durchnässte seine Kleidung. Obwohl ein kühler Wind wehte, schwitzte er. Schweiß vermischte sich mit den Regentropfen und zog Spuren über sein verschmutztes Gesicht, die wie kleine Bäche in einer trockenen Ebene wirkten.
    Er war erschöpft, hatte nicht mehr die Kraft, weiter zu fliehen. Seine Zähne klapperten so hart aufeinander, dass sein Kiefer schmerzte.
    Er wusste, dass da draußen, in den düsteren Schatten der hohen Bäume, jemand lauerte. Er ahnte auch, warum man seinen Tod wollte, aber er wusste nicht, wer es diesmal versuchen würde.
    Der Wald atmete dampfende, bleiche Schwaden aus, die durch die Büsche krochen und ihm die Sicht nahmen.
    Es war still. So als hätte alles Leben diesen Ort verlassen. Früher war er oft hier gewesen. Vor langer Zeit.
    Sein Vater hatte ihm schon als Junge die Augen für die Schönheit des Waldes geöffnet. Sie hatten gejagt und gefischt. Endlos scheinende Stunden miteinander geredet. Ins knisternde Feuer geschaut und gemeinsam geschwiegen. Er vermisste den Mann, der sein Vater gewesen war. Die gütigen Augen, die schwieligen, schweren Hände. Die breiten Schultern, die das Leben und harte Arbeit gebeugt hatten. Er vermisste ihn unendlich.
    Der Regen schien nachzulassen. Nur noch vereinzelt fielen Tropfen auf ihn herab.
    Die Schusswunde in seiner rechten Schulter blutete nicht mehr, aber ein dumpfes, schmerzhaftes Pochen hatte den Schock der Verletzung verdrängt. Seine klammen Finger tasteten das Loch im groben Stoff der alten Wanderjacke ab. Es hatte ihn ordentlich erwischt. Als er die Hand wieder herauszog, war sie blutverschmiert.
    Er hatte Angst. Mehr Angst als je zuvor in seinem Leben.
    Ihm war speiübel, und er musste all seine Willenskraft aufbieten, um sich nicht zu übergeben. Ein Zittern durchlief ihn und ließ ihn frösteln.
    Ich muss weiter , dachte er. Wenn ich bleibe, werde ich sterben .
    Aber alle Kraft hatte ihn verlassen. Sein Wille, der ihn die letzten Wochen hatte durchstehen lassen, war gebrochen. Ja, er hatte ihnen getrotzt. Lange hatte er ihnen widerstanden, aber nun schien das Ende nahe.
    Ich muss weiter , hämmerte es in seinem Gehirn.
    Mit zusammengepressten Zähnen rollte er sich herum, bis seine verletzte Schulter entlastet wurde. Sein Rücken lehnte jetzt an der rauen Rinde des Stammes, und die neue Position ließ ihn nach wenigen Augenblicken schläfrig werden. Die Augen fielen zu. In den einsetzenden wirren Träumen verlor er sich für eine kurze Weile, und der Schmerz wurde von Bildern aus glücklicheren Tagen ersetzt.
    Er sah sich selbst in schweren Gummistiefeln im Fluss stehen. Sechs Jahre alt. Das Gesicht glühend vor Eifer. Arme legten sich um seine Schultern, und das vertraute Gefühl gab ihm Geborgenheit.
    „Du musst die Angel langsam heben und dann in einer fließenden Bewegung auswerfen.“
    „Es ist so schwer, Dad.“
    „Vieles im Leben ist schwer, aber man kann lernen.“
    „Werde ich heute einen Fisch fangen?“
    Das tiefe Lachen, das mehr ein zufriedenes Brummen war, hallte über den Fluss.
    „Das wirst du ganz bestimmt.“
    Als er wieder erwachte, schien nur wenig Zeit vergangen zu sein. Trotzdem fluchte er leise über seine Dummheit. Da draußen, zwischen den Bäumen, machte jemand Jagd auf ihn, wollte ihn töten, und er war eingeschlafen. Er schob den Kopf über den Baumstamm und spähte in den Wald.
    Nichts. Kein Geräusch war zu hören. Hatte sein Jäger aufgegeben? Wohl kaum. Wer immer auch hinter ihm her war, wusste, dass die Beute hilflos und verwundet war.
    Er ließ seine Gedanken zu den Ereignissen wandern, die ihn an diesen trüben Ort gebracht hatten. Die ganze Sache hatte eine Ordnung, in deren Mittelpunkt die Auslöschung seines Lebens stand. Wie Planeten, die sich im Schwerkraftfeld einer Sonne bewegten, kreisten Mord, Verrat und Gier um seine Existenz. Der Feind

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