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Diebe

Diebe

Titel: Diebe
Autoren: Will Gatti
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mitkriegt – man sieht keinen Stich und keine Naht. Keiner außer Baz. Ihr Herz macht einen kleinen Hüpfer, während sie Demi in Aktion sieht: Eine kurze Zeit lang und im Abstand von vielleicht zwei Schritten gleitet er unauffällig hinter einer Dame her; sie bleibt vor einem Schaufenster mit eleganten Schuhen stehen, schaut hinein, und im Nu ist er direkt hinter ihr. Dann schlendert er weiter, an Baz vorbei, und steckt ihr ein hübsches kleines Portmonee zu, ein ordentlich pralles Ei. Die Dame betritt den Laden. Es kann noch eine halbe Stunde dauern, bis sie feststellt, dass heute kein Schuhtag für sie ist.
    Baz träumt davon, so gut wie Demi zu sein. Wenn sie ihn fragt, wie er das macht, plustert er sich auf. »Irgendwann bist du vielleicht mal so gut wie ich«, sagt er. »Wenn Affen sprechen können und Fische fliegen, dann bist du vielleicht so gut wie ich.« Wenn er sie auf diese Art neckt, versucht sie nach ihm zu treten, aber sie tritt nur in die Luft, denn er bewegt sich so flink, dass sie gar keine Chance hat, ihn zu treffen. Dann hüpft er um sie herum und stimmt einen Singsang an, als wäre er selber ein sprechender Affe. Aber ihr Ärger ist schnell wieder verflogen, denn sie und Demi sind zwei Seiten einer Medaille, das jedenfalls hat Fay gesagt. Und außerdem findet Baz, dass Demi wahrscheinlich besser aussieht als jeder Affe, von dem sie irgendwann mal ein Bild zu sehen bekommen hat.
    Demi hat kurze, schwarze, stachelig hochstehende Haare, wie die meisten Stadtjungen, seine Haut hat die Farbe von hellen Oliven und mit seinen braunen Augen wirkt er ein bisschen wie ein herrenloses Hündchen. Wenn eine freundliche Frau ihn für ein Kind hält, das sich verlaufen hat und um das man sich kümmern muss, dann gehört sie meistens schon im nächsten Augenblick selber zu denen, um die man sich kümmern muss – weil ihr nämlich plötzlich das Portmonee fehlt. »Frauen wie die«, sagt Demi, »wenn die ihr Geld verliern, holn sie sich einfach neues aus ihrem Sparschwein. Frauen wie die sind unser Sparschwein. Brauchst kein Mitleid mit ihr zu haben, Baz, sie hat auch keins mit uns. So ist das nun mal. Wir klaun ihr das Portmonee und sie bleibt trotzdem reich; wir klaun ihr Geld und bleiben arm – so lange, bis wir mal ganz groß abräumen, Baz. So sieht’s aus.«
    Demi liebt die Stadt, jeden kleinen Winkel darin. Er kennt ihre geheimen Ecken und Sackgassen, ihre breiten Straßen und die geschützten, schattigen Plätze, wo man selbst in dieser großen Hitze noch sauberes fließendes Wasser finden kann. Demi braucht keinen anderen Ort auf dieser Welt. Bei Baz ist es anders, sie fragt sich, wie es dort aussieht, wo sie angeblich herkommt – dem Landesinnern, wo alles grün und weit ist und wo es kaum Straßen gibt, kaum Häuser.
    »Was soll’n das schon groß sein, Baz? Bloß irgend so’n Traumland, weiter nichts! Kannst mir doch nicht weismachen, dass du da hinwillst. Wie solln wir ohne die Menschen leben? Menschen sind genau wie der Fluss, Baz, und wir müssen drin schwimmen.«
    Wenn er so geschwollen daherredet, bleibt sie ihm die Antwort nicht lange schuldig: »Wie kommt’s dann, dass das Flusswasser Taschen hat, in die du dauernd deine Hand steckst?«, fragt sie trocken. »So’n Wasser hab ich noch nie gesehn.«
    »Liegt daran, dass du keine Ahnung von nix hast. Heilige Mutter Gottes«, sagt er und verdreht dabei wie zum Gebet die Augen, »was ein Glück, dass dieses Lumpenbalg wenigstens mich hat, der sich um sie kümmert.«
    Fay hätschelt ihn, nennt ihn »meine private Kapitalanlage«. Sie sagt, er werde für sie sorgen, wenn sie mal alt ist. Dabei ist Fay noch lange nicht alt, vielleicht Ende zwanzig, vielleicht auch ein bisschen älter. Baz findet, sie könnte echt hübsch aussehen. Ihre roten Haare sind völlig verwuschelt, aber sie möchte nicht, dass Baz sie für sie kämmt, und wenn sie sich mal die Mühe macht, sich zu waschen, ist ihre Haut danach makellos weiß, aber meistens macht sie sich diese Mühe erst dann, wenn sie vor lauter Staub und Schweiß anfängt zu riechen. Irgendwann hat Baz sie einmal gefragt, wieso sie keinen Wert darauf legt, hübsch zu sein. »Das hatten wir schon, Bazzie«, hat Fay geantwortet, »und so wie jetzt bin ich besser dran.«
    Sie sorgt dafür, dass Baz ihr Haar immer kurz trägt, darum spürt sie nur weiche Stoppeln, wenn sie sich mit der Hand über den Kopf fährt, und wenn sie sich in einem Schaufenster betrachtet, dann sieht sie einen Jungen, der ihr

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