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Diebe

Diebe

Titel: Diebe
Autoren: Will Gatti
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vielleicht ihre Mutter, sie weiß es nicht mehr. Sie weiß nur noch, dass sie ununterbrochen weiterging, bis der Lärm nachließ, es aber dafür so dunkel wurde, dass sie nicht mal mehr ihre Füße sehen konnte. Sie fing an zu weinen und wollte hochgenommen werden, aber die Person, die sie an der Hand hielt, zerrte sie einfach mit sich fort, immer weiter voran.
    Baz erinnert sich, dass sie irgendwann die Hand wegzog, weil sie einfach nicht mehr weitergehen wollte. Vielleicht blieb die Frau stehen und sagte etwas zu ihr, vielleicht auch nicht. Sie erinnert sich jedenfalls, dass sich die dunkle Gestalt dann entfernte, ein wenig gebückt, als würde sie etwas tragen. Baz fragt sich manchmal, ob die Person ein kleines Baby im anderen Arm hatte und ob das der Grund war, warum sie Baz nicht hochnehmen wollte. Vielleicht war sie auch krank, oder vielleicht wollte sie einfach kein ständig quengelndes Kind an der Hand hängen haben; vielleicht hielt sie es für besser, Baz gehen zu lassen und sich nicht darum zu kümmern, was mit ihr passierte. So allein im Dunkeln.
    Baz bemüht sich, nicht an diese Frau zu denken, macht sich aber trotzdem Gedanken über sie und stellt sich vor, dass sie, wenn sie ihr einmal begegnen sollte, sie fragen würde, warum sie damals ihre Hand losgelassen hat. Baz ist der Meinung, dass jemand, der das Glück hat, eine Familie, eine echte Familie, zu haben, nicht einfach die Hand loslässt, die sich an ihm festhält. Jeder Dummkopf weiß doch, dass Familie das Kostbarste überhaupt ist.
    Es war am Morgen darauf, als Demi sie eng zusammengerollt und fest schlafend auf einem unbebauten Grundstück in der Nähe des Marktes fand. Als er auf sie zugegangen wäre, erzählte er, hätte direkt neben ihr ein Hund zu knurren begonnen. Dieser Teil der Geschichte hat Baz schon immer gefallen. Es wäre gewesen, so Demi, als hätte der Hund sie für sein Junges gehalten, aber er, Demi, hätte ihn trotzdem weggescheucht. Baz muss oft an diesen Hund denken – vielleicht würde sie ihn eines Tages finden, obwohl sie natürlich weiß, dass er inzwischen ziemlich alt wäre. Aber sie stellt sich vor, wie sie sich um ihn kümmern und ihm in Milch aufgeweichtes Brot geben würde, weil er wahrscheinlich keine Zähne mehr hätte.
    Sie weiß noch, wie sie aufwachte und Demi, die Sonne direkt im Rücken, auf sie herabblicken sah und wie sie ihn nach seinem Namen fragte.
    »Demi«, antwortete er. »Hast du auch ’n Namen?«
    Sie erinnert sich an das leere Gefühl in der Magengrube, an ihren Hunger und an ihre Panik, weil sie überhaupt nicht wusste, was los war, und wahrscheinlich hätte sie wieder angefangen zu weinen, wenn dieses schattenhafte Gesicht über ihr nicht gelacht hätte. Das Lachen ließ sie an Sonnenschein denken, und da fühlte sie sich sofort wohler. »Wieso heißt’n du Demi?«, fragte sie ihn.
    »Weißt du denn gar nix?«, fragte er zurück. »Demi bedeutet ›halb‹, weil ich erst halb erwachsen bin. Wenn ich mal groß bin, werd ich ein Riese sein.« Sie kann sich erinnern, wie er das sagte und dass sie ihm glaubte, weil er damals so viel größer war als sie. Mittlerweile hat sie einiges aufgeholt, und auch wenn er sich noch so aufplustert und große Reden schwingt, rechnet sie nicht mehr damit, dass Demi jemals ein Riese sein wird.
    Er brachte sie zu seiner und Fays Unterkunft, einer Bretterbude mit Dach und einem nicht befestigten Fußboden. Der Weg dorthin zog sich in die Länge, aber Demi redete die ganze Zeit, und dann stand Fay in der Tür, nahm Baz in Empfang und umarmte sie, als hätte sie sie schon ein Leben lang vermisst, und sie wischte ihr das Gesicht ab, gab ihr gleich an Ort und Stelle ihren Namen, und was zu essen hatte sie auch, also hockten sie zu dritt auf dem Fußboden und aßen zusammen, und so wurden sie denn zu einer Art Familie. Fay sah damals viel jünger und hübscher aus, wirkte auch weicher. Männer kamen und gingen mit ihr aus, und sie brachte den beiden Kindern bei, wie man Dinge mitgehen lässt, ohne dass es jemand merkt.
    Schon bald darauf gingen Demi und Baz zusammen auf Tour, aber erst einmal keine Diebstähle in den vornehmen Vierteln, sondern kleinere Sachen: Mal putzten sie Schuhe, mal gingen sie auf den Markt und ließen an einem Stand ein Stück Obst mitgehen, oder sie schauten so verloren drein, dass ihnen hin und wieder jemand ein Geldstück zusteckte. Irgendwann verlegten sie sich darauf, in fremde Taschen zu greifen. Da mussten sie lernen zu

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