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Diebe

Diebe

Titel: Diebe
Autoren: Will Gatti
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er wohl gierig geworden, als er mein Dollarbündel gesehn hat.« Demi grinst. »Der wünscht sich bestimmt, dass er die Finger aus meiner Tasche gelassen hätte. Hat ihn garantiert ’n Zahn gekostet.«
    »Kostet ihn mehr als das, falls die Uniformen ihn am Kragen ham.«
    Demi zuckt mit den Schultern. »Du hattest von Anfang an recht, Baz. Er ist bloß ’ne Straßenratte. Was ist mit Lucien?«
    »Ich hab ihn gesehen, er ist seinen Aufpasser wohl losgeworden.«
    »Der findet uns in Tianna, Baz. Dieser Typ hat mich mein Leben lang zum Narren gehalten. Sieht nach nix aus, nur Haut und Knochen, geht aber ran wie ’n Bulle, wenn du weißt, was ich mein. Wie er da auf der Maschine gefahrn ist ...« Demi bläst die Backen auf und schüttelt den Kopf. »Voll auf die Pistole drauf. Er hat uns da rausgeholt, Baz.«
    »Das weiß ich, Demi.« Sie lächelt. Es kommt selten vor bei Demi, dass er jemand anderes bewundert als sich selbst. Und sie erinnert sich an Luciens Zeichen, T für Tianna. Er wird sie finden und dann sind sie zu dritt.
    Demi dreht den Kopf und guckt aus dem Fenster.
    Baz betrachtet die durchhängenden Telefonleitungsdrähte, die an ihnen vorüberziehen. »Werden sie alle nicht mehr wiedersehen, Demi. All die Leute aus dem Barrio.«
    Er nickt. »Fay auch.« Für eine Weile ist er still, dann sagt er: »Hat uns all das Geld gegeben, das sie gespart hat. Ich glaub, sie wollte, dass wir unser eigenes Leben leben können. Ja, genau, ich glaub, so ist es.«
    Baz weiß nicht recht, was sie glauben soll, aber sie erinnert sich an das, was sie sich immer erhofft hat – dass Fay und Demi immer da sein, dass Fay immer eine Schwester für sie sein würde. Aber sie war niemals eine Schwester. Vielleicht hat sie etwas so Ungeheuerliches getan, als sie ihr Baby weggab, dass sie davon irgendwie einen Knacks gekriegt hat. Vielleicht hat Fay so lange Kinder weggegeben, hier mal eins, dort mal eins, dass jedes Gefühl in ihr gestorben ist. Dass ihr alles egal war. Und dann ist er, ihr eigenes Kind, zurückgekommen, und da hat sie angefangen, wieder etwas zu fühlen. Vielleicht hat Sol doch die Wahrheit gesagt. Vielleicht wollte Fay wirklich wissen, ob sie beide in Sicherheit sind.
    Draußen verschwinden jetzt die letzten Ausläufer der Stadt hinter ihnen und werden von staubigen Feldern abgelöst. Baz spürt einen Schmerz in den Augen und in der Brust, als würde etwas in ihr zusammenschrumpfen. Es ist ein Gefühl, das sie in dieser Art noch nie kennengelernt hat, nicht einmal, als sie Raoul hinter dem Drahtzaun auf dem Berg zurücklassen mussten. Es ist die Trauer um das, was hätte sein können. Sie weint nicht, das hat sie nie getan, auch Demi nicht, nicht einmal, wenn Fay sie geschlagen hat. Sie reibt sich mit dem Handballen das Auge. »Demi, glaubst du, dass jemand nach uns suchen kommt?«
    Er schüttelt den Kopf. »Die können so viel suchen, wie sie wolln, aber wir werden anders sein, wenn wir nach Tianna kommen, Baz. Werden ganz andere Menschen sein.«
    Sie sieht ihn an, will ihm sagen, dass er sich schon jetzt ganz anders anhört, aber er hat die Augen geschlossen und daher sagt sie nichts.
    Eine Weile später kommt eine Frau ins Abteil und nimmt auf der anderen Seite des Ganges Platz. Sie bietet Baz etwas Obst an, dicke, saftige Pflaumen, und fragt: »Willst du noch ein paar nehmen, für deinen Bruder, wenn er aufwacht?«
    »Mein Bruder«, sagt sie. »Ja, die nimmt er bestimmt gerne. Danke.« Dann schließt auch sie die Augen und lässt sich vom Rattern des Zuges, der sie nach Norden bringt, in den Schlaf wiegen.

Epilog
    Der Fluss begann ungefähr zur selben Zeit wieder zu fließen, als das Barrio abgerissen wurde. Kaltes Wasser, vom Staudamm kommend, überspülte den Schlamm, bildete Wirbel und Strudel um den verrosteten Schiffsrumpf in der Krümmung des Flusses, zog und zerrte an ihm, bis er sich aufrichtete und drehte an seiner alten Muring, als wolle er sofort stromaufwärts schwimmen – ein Geisterschiff auf der Suche nach seinem Geisterkapitän.
    Doch dann, in der Regenzeit, gab es einen schweren Sturm, und es kam eine Flutwelle, eine riesige Wasserwand, die über die Ufer schlug. Und danach war das alte Wrack verschwunden, abgetrieben bis ins offene Meer, wie manche Leute sagten.
    Spiegelblanke neue Gebäude, ganz aus Glas und Stahl, entstanden am Wasser. Schicke, klimatisierte Büros für das neue Gewerbe, das jetzt erblühte, hier in Dolucca-Stadt, benannt nach dem Sohn des Polizei-Captain, Eduardo

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