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Die Tochter des Goldsuchers

Die Tochter des Goldsuchers

Titel: Die Tochter des Goldsuchers
Autoren: Nora Roberts
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Der Westen taugte, soweit sie es beurteilen konnte, allenfalls für Gesetzlose.
    Sie schloss die Augen und hoffte, dass sie die nächsten Stunden überstehen möge. Wenigstens konnte sie Gott danken, dass sie nicht noch eine Nacht in einer dieser schrecklichen Poststationen verbringen musste. Sie hatte entsetzliche Angst gehabt, in ihrem Bett ermordet zu werden – falls jene elende, aus Stricken geflochtene und unbezogene Pritsche überhaupt die Bezeichnung »Bett« verdiente.
    Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig, sagte sie sich. Fast hatte sie ihr Ziel erreicht. Nach zwölf langen Jahren würde sie ihren Vater wiedersehen und sich in dem hübschen Haus, das er sich außerhalb von Lone Bluff gebaut hatte, um sein leibliches Wohl kümmern.
    Als sie sechs Jahre alt war, hatte er sie in der Obhut der Barmherzigen Schwestern gelassen und war auf und davon gegangen, um sein Glück zu machen. Manche Nacht hatte sich Sarah in den Schlaf geweint, so sehr hatte sie ihren Vater vermisst. Dann, im Laufe der Jahre, hatte sie immer wieder die vergilbte Fotografie hervorholen müssen, um sich sein Gesicht ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber er hatte ihr oft geschrieben. Zwar wirkte sein Stil angestrengt, doch Sarah spürte die Liebe, die sich hinter seinen Worten verbarg.
    Einmal im Monat erhielt sie Nachricht von ihm, von einem Ort, wo er auf seinem Weg nach Westen jeweils gerade Station machte. Nach achtzehn Monaten – und achtzehn Briefen – hatte er dann vom Arizona-Territorium aus geschrieben, wo er sich angesiedelt hatte und wo er sein Vermögen machen wollte.
    Er hatte sie davon überzeugt, dass er richtig gehandelt hatte, als er sie in die Klosterschule in Philadelphia steckte, damit sie die einer jungen Dame angemessene Erziehung genießen konnte. Jetzt war sie fast achtzehn und durfte allein durch das Land reisen. Bald würde sie ihren Vater wiedersehen. Sicher brauchte das Haus, wie groß es auch sein mochte, eine weibliche Hand.
    Da er nicht wieder geheiratet hatte, stellte sich Sarah ihren Vater als brummigen Hagestolz vor, der niemals so recht wusste, wo er seine sauberen Hemdkragen aufbewahrte oder was die Köchin zum Abendessen zubereiten würde. Darum würde sie, Sarah, sich von nun an kümmern.
    Ein Mann von seiner Stellung musste Gäste bewirten. Dazu brauchte er eine Dame des Hauses. Sarah Conway wusste genau, wie man eine elegante Dinnerparty oder einen Ball ausrichtete.
    Allerdings war das, was sie über das Arizona-Territorium gelesen hatte, nicht gerade ermutigend. Geschichten von schonungslosen Kämpfen mit wilden Indianern. Aber schließlich schrieb man das Jahr 1875. Für Sarah stand fest, dass auch ein so entlegenes Gebiet wie Arizona mittlerweile zivilisiert sein müsse. Bei den Berichten, die sie gelesen hatte, handelte es sich zweifellos um Übertreibungen, die dazu dienten, die Auflagen von Zeitungen und Groschenheften zu erhöhen.
    Was das Klima betraf, hatten sie jedenfalls nicht übertrieben. In der engen, mit sieben Passagieren überbesetzten Postkutsche machte sich die Hitze besonders unangenehm bemerkbar. Und der Geruch! Sarah mochte ihr Taschentuch noch so oft mit Lavendelwasser besprenkeln, gegen den Gestank von Schweiß und billigem Schnaps, den der Mann ihr gegenüber fortwährend direkt aus der Flasche trank, kam sie nicht an. Zuerst hatte sie sein von Pockennarben entstelltes Gesicht noch einigermaßen fasziniert, doch als er ihr anbot, mit ihm zu trinken, hatte sie entrüstet abgelehnt.
    Es war jedoch nicht ganz leicht, würdevoll auszusehen, wenn einem die Kleider am Leibe klebten und das Haar schlaff unter der Haube hervorquoll. Und fast unmöglich wurde es ihr, den gebührenden Anstand zu bewahren, als die wohlbeleibte Frau neben ihr auch noch anfing, an einem Hühnerbein herumzuknabbern. Trotzdem, wenn sich Sarah einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich durch nichts davon abbringen.
    Von Arizonas Landschaft hatte sie bereits genug. Weit und breit sah sie nur ödes Land. Nun, die ersten Kakteen hatten sie immerhin noch beeindruckt. Sie hatte sogar daran gedacht, einige von ihnen zu zeichnen. Manche waren mannshoch, andere hingegen niedrig und mit unzähligen gefährlich aussehenden Stacheln bedeckt. Doch als sie einige Dutzend gesehen hatte und sonst kaum etwas, hatten sie den Reiz des Neuen rasch verloren.
    Interessanter waren da schon die Felsen. Die steil aus dem Wüstensand aufragenden Buttes und die ausgedehnteren Mesas verliehen der Landschaft einen gewissen

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