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Die Tochter des Goldsuchers

Die Tochter des Goldsuchers

Titel: Die Tochter des Goldsuchers
Autoren: Nora Roberts
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Charme, besonders, wenn sie sich gegen den tiefblauen Himmel abzeichneten. Trotzdem waren ihr die sauberen Straßen von Philadelphia mit den Läden und Teestuben allemal lieber.
    Das Zusammensein mit ihrem Vater würde sie für alles entschädigen. Er würde stolz auf sie sein. Er musste stolz auf sie sein, denn dafür hatte sie die ganzen Jahre gearbeitet, gelernt und geübt, damit sie die tüchtige, wohlerzogene junge Lady wurde, die er sich wünschte.
    Wird er mich wiedererkennen, fragte sie sich. Erst letztes Jahr zu Weihnachten hatte sie ihm ein kleines gerahmtes Selbstporträt geschickt, allerdings war sie sich nicht sicher, ob es ihr wirklich ähnlich sah. Schade, dass sie nicht so hübsch wie ihre Freundin Lucilla war. Immerhin hatte sie, Sarah, einen makellosen Teint, und das tröstete sie. Anders als Lucilla war sie niemals auf die Hilfe jener kleinen, bei den Schwestern so verpönten Rougetöpfchen angewiesen. Manchmal kam Sarah ihr Teint sogar etwas zu rosig vor. Nicht selten hatte sie ihre vollen Lippen beklagt und sich einen kleinen Kussmund gewünscht. Ihre Augen hatten zu ihrem Leidwesen ein unauffälliges Braun und waren nicht blau, wie es viel besser zu ihrem blonden Haar gepasst hätte. Immerhin war sie alles in allem eine adrette, gepflegte Erscheinung – oder war es jedenfalls gewesen, bis sie diese schauderhafte Reise antrat.
    Doch bald würden alle Strapazen überstanden sein. Nicht mehr lange, und ihr Vater würde sie in die Arme schließen, und sie machten es sich in dem hübschen Haus, das er gebaut hatte, gemütlich. Vier Schlafzimmer hatte es. Und einen Salon mit den Fenstern nach Westen. Herrlich!
    Wahrscheinlich würde sie einiges ändern müssen. Männer dachten doch nie an Feinheiten wie Gardinen und Zierdecken. Sie würde ihre Freude daran haben! Und wenn erst einmal die Fensterscheiben blitzten und frische Blumen in den Vasen standen, dann würde er schon merken, wie sehr er sie brauchte. Dann würden sich alle Anstrengungen der verflossenen Jahre gelohnt haben.
    Sarah spürte, wie ihr der Schweiß den Rücken hinunterlief. Zuerst brauchte sie ein kühles Bad, das Wasser angereichert mit dem nach Flieder duftenden Badesalz, das ihr Lucilla zum Abschied geschenkt hatte. Sarah seufzte. Oh, wie sehnte sie sich danach, die beengenden Kleider auszuziehen!
    Plötzlich machte die Kutsche einen Schlenker, sodass Sarah gegen die füllige Frau neben sich geschleudert wurde. Noch bevor Sarah sich wieder aufrichten konnte, hatte sich der restliche Inhalt der Schnapsflasche ihres Gegenübers über ihren Schoß ergossen.
    »Sir!« Doch da hörte sie den Schuss und die Schreie.
    »Indianer!« Der Hähnchenschenkel wirbelte durch die Luft. Entsetzt drückte die Frau Sarah an sich und rief: »Wir werden alle massakriert!«
    »Beruhigen Sie sich doch!« Sarah versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien, wobei sie sich nicht so recht klar darüber war, ob sie sich mehr über das plötzliche riskante Eiltempo der Kutsche oder über den Fleck auf ihrem neuen Rock ärgern sollte.
    Nachdem die Frau Sarah endlich losgelassen hatte, lehnte sie sich aus dem Fenster, um dem Fahrer etwas zuzurufen. Plötzlich sah sie, in nur wenigen Zentimetern Entfernung, das Gesicht des »Shotgun Riders«. Sekundenlang hing er kopfüber da, für Sarah lange genug, um den Pfeil zu registrieren, der in seinem Herzen steckte.
    Noch während die Frau neben ihr aufschrie, fiel der Tote mit einem dumpfen Schlag zu Boden.
    »Indianer! Gnade uns Gott! Wir werden skalpiert! Jeder Einzelne von uns!«
    »Apachen«, bemerkte der Mann mit der jetzt leeren Schnapsflasche. »Es muss den Kutscher erwischt haben. Denn anscheinend sind die Pferde durchgegangen.« Mit diesen Worten zog er seinen Revolver, trat an das gegenüberliegende Fenster und begann zu schießen.
    Benommen blickte Sarah aus dem Fenster auf ihrer Seite. Sie hörte Kampfgebrüll und das Donnern von Pferdehufen. Wie Bestien, ging es ihr durch den Kopf. Aber das, was dort draußen geschah, war doch völlig absurd. Die Vereinigten Staaten waren nahezu ein Jahrhundert alt, Ulysses S. Grant war ihr Präsident. Dampfschiffe überquerten den Atlantik in weniger als zwei Wochen. In dieses Zeitalter passten Indianerkämpfe nicht mehr.
    Im nächsten Moment sah sie einen der Angreifer. Er ritt mit nacktem Oberkörper auf einem Pony, und seine Haarmähne flog im Wind. Sarah blickte ihm geradewegs in die Augen, die deutlich seine Erregung widerspiegelten. Als er den Bogen spannte,

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