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Die Seelen im Feuer: Historischer Roman (German Edition)

Die Seelen im Feuer: Historischer Roman (German Edition)

Titel: Die Seelen im Feuer: Historischer Roman (German Edition)
Autoren: Sabine Weigand
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Bamberg, September 1626
    Der fremdartig gekleidete junge Mann lenkte seinen hochbeinigen Grauschimmel zu einer Stelle am Ufer, wo ein Bächlein in den Fluss mündete. Ein halb geschlossenes Wehr staute das zufließende Wasser zu einem kleinen, stillen Teich, auf dem ein Entenpärchen vor sich hin paddelte. Schwärme winziger Mücken tanzten im milden Licht der herbstlichen Nachmittagssonne. Der Mann in der welschen Tracht sprang ab und ließ seine Stute saufen. Sein Blick schweifte derweil umher, und er entdeckte nicht weit entfernt eine alte Buche, deren Äste bis fast auf den Boden hingen. Geduldig wartete er, bis sich sein Pferd sattgetrunken hatte, dann führte er es hinüber zum Baum und kletterte leichtfüßig ein Stück das Geäst hinauf. Von hier oben, dachte er, müsste man es doch schon sehen können!
    Er spähte durch das mattgrüne Laub, und tatsächlich, da in der Ferne waren sie, die Hügel, zwischen denen die Stadt lag: Auf dem einen deutlich zu erkennen die wehrhafte Altenburg, auf dem anderen, dem weinbewachsenen Michelsberg, das ehrwürdige Kloster. Und dazwischen der Domberg mit dem riesigen, viertürmigen Kaiserdom, der sich mit würdevoller Majestät über den ziegelroten Hausdächern erhob.
    Der junge Mann sprang auf den Boden. Nun war er kurz vor dem Ziel. Er zog den Sattelgurt wieder fester und stieg auf. Noch eine Stunde den Weg an der Regnitz entlang, so schätzte er, dann würde er Bamberg, die alte fränkische Bischofsstadt, erreicht haben.

    Vor dem Langgasser Tor passierte der Fremde die Richtstatt. Der Galgen war leer, doch ein paar frisch aufgeworfene Grabhügel zeugten davon, dass die Stadt für Rechtsbrecher keine Gnade kannte. Ein Schwarm Raben fühlte sich von einer streunenden Katze gestört, flatterte auf und flog unter lautem Gekrächze davon. Irgendwo rief leise ein Käuzchen, als wolle es Pferd und Reiter vor dem Entsetzlichen warnen, was kommen sollte …
    Am Tor selber war viel Betrieb. Es ging auf Abend zu, also verließen die Bauern, die ihre Waren auf dem Markt verkauft hatten, die Stadt, um noch bei Tageslicht heimzukommen. Und die Bürger, die außerhalb ihre Felder bestellt hatten, strebten ihnen entgegen, Körbe mit Äpfeln oder Gemüse auf dem Rücken. Bei Einbruch der Nacht würde der Wächter die Torflügel schließen; wer dann noch nicht in der Stadt war, dem blieb nichts anderes übrig, als bis zum Aufsperren am nächsten Morgen draußen zu nächtigen.
    Der junge Mann auf seinem Grauschimmel musste warten, weil ein ausfahrender Marktwagen ein Fass verlor und eine Zeitlang das Tor versperrte. Er ließ die Zügel sinken und zog aus dem abgeschabten, flachen Lederbeutel, den er um den Hals trug, ein zusammengefaltetes Stück Papier hervor. Eigentlich kannte er den Inhalt schon auswendig; dennoch überflog er jetzt, wo er ans Ende seiner Reise gelangt war, die Zeilen noch einmal.
»Gelibter Sohn, mein Corneli,
Gottes Schutz und Schirm allzeyt zuvor und deines Vaters vielleycht lezten Gruß. So hat denn nun der Allmechtige in seiner unendtlichen Weisheyt beschloßen, meine Zeyt auff Erden wohl baldt zu endigen. Du weißt aus meinen lezten Brieffen, daß mein Hertz seit Jahren schwach und mein Körper geprechlich ist. Danck meiner und des Apotheckers Kunst warn mir wohl mehr Lebensjahr vergönnt als vilen andern, aber nun vermein ich, ich hör schon die Engleyn im Himmel musizirn. Du wirst unschwer auß meiner Schrifft ersehn, wie schwehr es mir fällt, die Feder zu führen, ach, mir bleibt kein lange Frist mehr. Vor jetzo dreien Wochen hat mich zum zweitten Mal ein Stoß vor die Brußt getroffen, so starck, daß ich nit mehr athmen konnt. Der lincke Arm ist von Schmertzen geplagt, und mein Hertz flattert zuzeitten wie ein kleins Vögelein. Auß Schwachheyt meines Leibs kann ich seither kaum das Kranckenbett verlaßen, und ich spühr das Leben auß mir fließen wie ein steter Strahl Bluts. Der Weißdorn, dessen getrocknete Blätter und Frücht mir als Tinctura immer wohl gethan haben, hülfft nit mehr, gleich wie der rothe Fingerhut, die Digitalis purpurea, die du mir in deinem lezten Brieff empfolen hast.
Deine Mutter tregt die Gewißheyt meines baldigen Dahinscheydens mit der Stärcke, die ich stets an ihr gelibt und bewundert habe. Doch ich weiß auch, daß sie sich fürchtet, was wohl werden soll, wenn ich nit mehr bin.
Darumb, mein Sohn, ist es nunmehro für dich an der Zeitt, heimb zu komen und dein Erbe anzutrethen. In den 8 Jahrn, die du in der Frembde warst,

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