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Die Tochter des Goldsuchers

Die Tochter des Goldsuchers

Titel: Die Tochter des Goldsuchers
Autoren: Nora Roberts
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wischte sich die Hände an den Schenkeln ab. »Man nennt mich Slim.«
    So wie der Junge das sagt, dachte Jake belustigt, erwartet er wohl, dass ich zusammenzucke. Der Whiskey war nicht so gut, als dass er, Jake, sich noch einen dritten Drink genehmigen mochte. Er ließ ein paar Münzen auf den Tresen fallen und achtete darauf, dass seine Hände den Revolvergriffen nicht zu nahe kamen.
    »Kann man hier irgendwo ein Steak bekommen?«, fragte er den Barkeeper.
    »Drüben bei Grody.« Der Mann trat vorsichtig zur Seite. »Bitte, wir wollen hier drinnen keinen Ärger.«
    Jake warf ihm einen langen, kühlen Blick zu. »Ich mache ja keinen.«
    »Ich rede mit Ihnen, Redman.« Barlow stellte sich breitbeinig hin und ließ die Hand dicht über dem Revolverknauf schweben. Eine hässliche Narbe zog sich vom Zeigefinger über den Handrücken.
    Ruhig, ohne sich mehr als nötig zu bewegen, begegnete Jake seinem Blick. »Sie haben mir etwas zu sagen?«
    »Sie genießen den Ruf, schnell zu sein. Hörte, Sie haben Freemont in Tombstone erledigt.«
    Jetzt drehte sich Jake zu ihm herum. Dabei bemerkte er, wie ein Flügel der Saloontür zurückschwang. Anscheinend hatte es einer der Gäste vorgezogen, einen sicheren Ort aufzusuchen. Barlow trug einen vierundvierziger Colt, der Griff aus schwarzem Hartgummi wirkte gepflegt. Der Bursche sah aus wie jemand, der sich seiner Erfolge als Killer gern brüstete.
    »Sie haben richtig gehört.«
    Barlow ballte seine Hände zu Fäusten und streckte sie wieder.
    Die beiden Männer, die in einer Ecke gepokert hatten, hielten einen Moment inne und schlossen eine freundschaftliche Wette auf den Ausgang des mit höherem Einsatz getätigten Spiels ab, das sich gerade vor ihren Augen entfaltete.
    »Ich bin schneller. Schneller als Freemont«, behauptete Barlow. »Schneller als Sie. Ich bin der Boss in dieser Stadt.«
    Jake ließ den Blick durch den Saloon schweifen, bevor er Barlow wieder musterte, der jetzt sichtlich nervös war. »Gratuliere.« Jake wollte gehen, doch Barlow stellte sich ihm in den Weg. Jake kniff die Augen zusammen und sah seinen Widersacher kalt an. »Wetzen Sie sich Ihre Zähne an jemand anders. Ich will nichts weiter als ein Steak und ein Bett.«
    »Nicht in meiner Stadt.«
    Geduld gehörte nicht zu Jakes Stärken. Außerdem war er nicht in der Stimmung, Zeit für einen Revolverhelden zu verschwenden, dem es darum ging, seinen Ruf aufzupolieren. »Wollen Sie wegen eines Stücks Fleisch ins Gras beißen?«
    Barlow grinste.
    Er glaubt nicht, dass er sterben wird, dachte Jake müde. Leute seines Schlages taten das nie. »Kommen Sie in fünf Jahren wieder«, sagte er. »Dann wird es mir ein Vergnügen sein, Ihnen eine Kugel zu verpassen.«
    »Ich bin nun mal jetzt gekommen. Wenn ich Sie getötet habe, wird es keinen Menschen westlich des Mississippi mehr geben, der Slim Barlow nicht kennt.«
    Für manche – für viele – hätte das gereicht, um zu ziehen und abzudrücken. »Machen Sie es uns beiden leichter.« Langsam ging Jake zur Tür. »Behaupten Sie einfach, Sie hätten mich getötet.«
    »Wie man so hört, war Ihre Mutter eine Squaw.« Barlow grinste, als Jake unvermittelt stehen blieb und sich umdrehte. »Schätze, daher stammt auch der gewisse feige Zug an Ihnen.«
    Jake spürte, wie die Wut in ihm aufstieg. Mühsam unterdrückte er sie. Wenn er schon kämpfen musste – und es sah ganz danach aus –, dann lieber mit kühlem Kopf.
    »Meine Großmutter gehörte zum Volk der Apachen.«
    Barlow grinste wieder, dann wischte er sich mit dem linken Handrücken über den Mund. »Also doch ein Halbblut, nicht wahr? Ein feiges Halbblut. Wir wollen hier keine Indianer. Werde wohl die Stadt ein bisschen aufräumen müssen.«
    Barlow griff nach der Waffe, Jake zog seine, kalt und ohne Bedauern. Kaum dass er sich bewegte, schoss er aus der Hüfte, vertraute auf sein Gefühl und seine Erfahrung. Lässig steckte er den Revolver in das Holster zurück. Barlow lag ausgestreckt auf dem Fußboden des Saloons.
    Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieß Jake die Schwingtür auf und ging hinaus zu seinem Pferd. Er wusste nicht, ob er den Mann getötet oder nur verwundet hatte. Es war ihm auch egal. Das ganze Theater hatte ihm gründlich den Appetit verdorben.
    Sarah befürchtete, sie könnte das miserable Essen, das sie bei der letzten Station zu sich genommen hatte, nicht vertragen haben. Wie überhaupt jemand unter solch widerwärtigen Umständen leben konnte, würde ihr ewig ein Rätsel bleiben.

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