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Die Schwestern von Sherwood: Roman

Die Schwestern von Sherwood: Roman

Titel: Die Schwestern von Sherwood: Roman
Autoren: Claire Winter
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stieß und auch schon aus dem Zimmer stürzte.
    Nur wenig später knallte die Wohnungstür. Melinda zuckte zusammen. Sie schloss die Zimmertür hinter sich und ließ sich aufs Bett sinken. Eine Mischung aus Erschöpfung und Resignation erfasste sie. Zum zweiten Mal an diesem Tag verspürte sie das Bedürfnis, einfach allem zu entfliehen. Wie sie Frank kannte, würde es nicht ihre letzte Auseinandersetzung bleiben. Er liebte sie nicht, da war sie sich sicher, dazu war er ihr gegenüber viel zu unerbittlich, aber er war in seinem männlichen Stolz verletzt. Seufzend zog Melinda ihren Mantel aus und griff nach einer dicken Strickjacke. Sie fröstelte. Es war kalt im Zimmer. Sie fragte sich, wann sie das letzte Mal ein heißes Bad gehabt hatte – es schien ihr eine Ewigkeit her. Kurz bevor ihre Mutter krank geworden war, erinnerte sie sich dann. Sie hatte als Krankenschwester gearbeitet und war im letzten Kriegsjahr an Typhus gestorben – nur wenige Wochen nachdem ihr Mann, Melindas Vater, gefallen war. Ein Gefühl der Einsamkeit erfasste Melinda plötzlich, und sie versuchte, die dunklen Schatten der Vergangenheit zu vertreiben.
    Ihr Blick fiel auf das Paket, das auf dem Bett ruhte. In schwungvollen, entschieden wirkenden Schriftzügen stand ihr Name und die Adresse darauf geschrieben, aber kein Absender, wie Frau Herder es gesagt hatte. Melinda hatte keine Ahnung, wer ihr das geschickt haben konnte.
    3
     
    E s war ein großer weißer Karton, der unter dem Packpapier zum Vorschein kam. Melinda legte die Schere zur Seite, mit der sie die Schnur gelöst hatte, und nahm neugierig den Deckel ab. Überrascht sah sie, dass sich in dem Paket eine Bilderrolle, zwei altertümlich mit Seidenband verschnürte Päckchen mit vergilbten Briefen und ein kleines Samtsäckchen befanden. Weder ein Brief noch ein Anschreiben befand sich dabei, stellte sie fest. Sie durchsuchte den Karton und nahm verwirrt die Sachen heraus, um zu sehen, ob dazwischen oder darunter noch etwas lag. Nichts. Nicht einmal ein kleiner Zettel.
    Stirnrunzelnd musterte sie den seltsamen Inhalt, griff schließlich nach dem Samtbeutel und öffnete ihn. Eine etwa handtellergroße schwarze Schatulle verbarg sich darin. Von außen sah es auf den ersten Blick nach einem Schmuckstück aus, aber als Melinda den Deckel aufklappte, musste sie feststellen, dass sie sich irrte. Es war eine Figur, eine antike Schachfigur genauer gesagt – eine rote Dame aus Marmor! Behutsam nahm Melinda sie aus der Schatulle. Sie war keine große Kunstkennerin, aber auch so erkannte sie, dass die ungewöhnlich filigrane Figur sehr alt und von Wert sein musste. An irgendetwas erinnerte sie die rote Dame. Sie runzelte die Stirn, doch sie kam nicht darauf, woran. Einen Moment lang betrachtete sie die winzigen kunstvoll gearbeiteten Gesichtszüge und vergaß alles um sich herum. Dann legte sie die Figur verwirrt wieder in die Schatulle. Wer hatte ihr dieses Paket nur geschickt? Und warum?
    Sie wandte sich den Bildern zu. Es waren überwiegend Aquarelle und Tuschezeichnungen, die sich in der Rolle befanden. Bestimmt fünfzehn, wenn nicht zwanzig Stück. Sie zeigten eine dramatisch wirkende Moorlandschaft mit ungewöhnlichen Stein- und Felsformationen. Manche waren mannshoch. Ihr Blick glitt zu einem Aquarell, auf dem ein von Farnen überwucherter Abhang zu sehen war, in dessen Hintergrund sich ein von Raben und Falken umkreister Felsen zeigte. Etwas Unheimliches und Mystisches lag in der Darstellung, dem man sich nicht entziehen konnte. Melinda merkte, wie die unerfreuliche Begegnung mit Frank verblasste und sie mit zunehmender Faszination die Bilder betrachtete. Auf mehreren Blättern war auch ein Anwesen, ein altes Herrenhaus, zu erkennen, wie sie es schon auf englischen Gemälden gesehen hatte. Es schien seltsam präsent, als würde man durch die Pinselstriche hindurch das Leben erspüren, das die alten Gemäuer des Manors einmal erfüllte. Als sie die Bilder umdrehte, sah sie, dass sie auf der Rückseite datiert waren: 1894 und 1895. Das war fast sechzig Jahre her!
    Der Inhalt des Pakets erschien Melinda immer rätselhafter – was sollten diese Bilder und diese Schachfigur nur? Wenn nicht ihr Name und die Adresse auf dem Paket gestanden hätte, sie wäre sich sicher gewesen, dass man sie verwechselt hatte.
    Vielleicht würden ihr die Briefe mehr verraten. Melinda löste die Seidenschleife von einem der vergilbten Bündel. Sie öffnete den obersten Umschlag. Die Zeilen waren in einer

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