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Die Schwestern von Sherwood: Roman

Die Schwestern von Sherwood: Roman

Titel: Die Schwestern von Sherwood: Roman
Autoren: Claire Winter
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P ROLOG
     
    E s waren nur wenige Bilder von damals in ihrem Kopf. Sie erinnerte sich, dass sie krank gewesen war und mehrere Tage hohes Fieber gehabt hatte. Am Anfang war sie zu Hause, in ihrem Zimmer, doch dann hatte man sie fortgebracht. Cathleen, ihre Schwester, stand weinend in ihrem weißen Kleidchen in der Tür. Sie wollte mitkommen, doch jemand hielt sie fest. Ihr Schreien schallte noch hinter ihr her, als man sie schon längst auf der Trage aus dem Herrenhaus gebracht und auf den Wagen gehoben hatte.
    Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an. Sie hörte das Knallen der Peitsche. Wann immer sie die Kraft fand, für einen kurzen Augenblick die Lider zu öffnen, sah sie die Weite des Moores, die von Wäldern und Hügeln durchbrochen wurde.
    Sie waren eine ganze Weile lang unterwegs, bis sie schließlich ein großes Gebäude erreichten, es hatte lange, helle Flure mit vielen Türen, die in Räume mit weißen Metallbetten führten. Es war das erste Mal, dass sie in einem Krankenhaus war.
    Die Gestalten von Ärzten und Krankenschwestern kamen und gingen in ihr Zimmer. Sie sprachen leise und mit besorgten Stimmen. Auch ihre Eltern erschienen, einmal zusammen mit Cathleen. Diesmal schrie sie nicht, sondern ergriff nur ihre Hand. Sie stand stumm vor ihrem Bett, und Tränen rollten über ihre Wangen.
    Sie wollte ihrer Schwester etwas sagen, sie trösten, doch sie war zu schwach, jede Kraft hatte sie verlassen, und sie fühlte sich weit weg von allem, als würde sie außerhalb ihres eigenen Körpers schweben. Danach klaffte eine große Lücke in ihrer Erinnerung. Über Tage war alles in Dunkelheit gehüllt. Sie hatte mit dem Tod gerungen, wie sie später begriff. Das Erste, dessen sie sich wieder entsann, war das Gesicht einer grauhaarigen Frau mit einer weißen Haube auf dem Kopf. Um ihre Augen zog sich ein feines Netz von Fältchen. Sie strich ihr sanft über die Stirn und setzte ein Glas an ihre Lippen. Durstig trank sie, dann schlief sie erneut ein. Sie war noch immer schwach, doch mit jedem Tag kehrte ein Stück ihrer Lebenskraft zurück. Ärzte kamen und gingen abermals in ihr Zimmer. Man untersuchte sie, gab ihr Medikamente, und das Einzige, was ihr vielleicht schon damals verriet, dass etwas nicht in Ordnung zu sein schien, war der besorgte Ausdruck, der sich nach einigen Tagen auf ihrer aller Gesichter breitmachte. Eines Morgens trat schließlich ein grauhaariger Mann in einem weißen Kittel an ihr Bett. Er schien wichtig zu sein, denn die anderen Ärzte, die ihm folgten, standen in respektvoller, ja untertäniger Haltung um ihn herum und blickten immer wieder fragend zu ihm. Der Grauhaarige untersuchte sie. Er lächelte viel und verzog das Gesicht zu spaßigen Grimassen und hielt ihr eine seltsame, trichterförmige Röhre an den Kopf. Dann hörte er mit einem Mal auf. Einen Moment lang saß er einfach nur neben ihr auf dem Bett und strich ihr bedächtig über das Haar. Ein mitleidiger Ausdruck zeigte sich dabei auf seinem Gesicht. Sie bekam plötzlich Angst, und als er sich zu den anderen Ärzten drehte und mit ihnen sprach, begriff sie zum ersten Mal, was nicht stimmte – sie konnte sie alle nicht hören! Panik erfasste sie, und sie begann zu weinen. Sie fragte, was los sei. Die Lippen der Männer bewegten sich, aber sie konnte sie nicht verstehen. Sie schrie. Man versuchte sie zu beruhigen und hielt sie fest. Doch sie schrie und schrie und trat wie von Sinnen um sich. Schließlich flößte man ihr eine Medizin ein, und sie sank in den Schlaf.
    Als sie wieder zu sich kam, stand ihre Mutter an ihrem Bett. Sie trug eines ihrer Seidenkleider, und der vertraute Geruch ihres Parfums schwebte im Raum. Einen Augenblick lang glaubte sie, ihre Stimme vernehmen zu können. Doch es waren nur die vertraute Mimik und die Art, wie sie die Lippen bewegte.
    Hörst du, was ich sage, Liebling? Verstehst du mich? Du verstehst mich doch, nicht wahr? Bitte, sag es! Sag, dass du mich hörst, bitte …
    Sie schüttelte langsam den Kopf. Das Flehen in den Augen ihrer Mutter schnitt ihr ins Herz, doch sie war nicht fähig, einen einzigen Ton zu hören. Entsetzt blickte ihre Mutter sie an, als sie endlich begriff. Ein Beben ging durch ihren Körper, und sie schlug sich mit der Hand auf den Mund, bevor sie sich umdrehte und aus dem Raum stürzte.
    Es schien ihr, als würde sich erst in diesem Moment die Stille vollständig um sie herum ausbreiten und unwiderruflich von allem Besitz ergreifen – eine undurchdringliche Wand aus Glas,

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