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Die schöne Diva von Saint-Jacques

Die schöne Diva von Saint-Jacques

Titel: Die schöne Diva von Saint-Jacques
Autoren: Fred Vargas
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1
     
    »Pierre, im Garten stimmt was nicht«, sagte Sophia.
    Sie öffnete das Fenster und musterte das Fleckchen Erde, auf dem sie jeden Grashalm kannte. Was sie sah, ließ sie frösteln.
    Pierre las die Zeitung beim Frühstück. Vielleicht sah Sophia deshalb so häufig aus dem Fenster. Um zu sehen, was für Wetter war. Das macht man ja oft, wenn man aufsteht. Und jedes Mal, wenn es draußen häßlich war, mußte sie natürlich an Griechenland denken. Bei diesen Betrachtungen stiegen mit den Jahren immer häufiger nostalgische Erinnerungen in ihr hoch, die sich an manchen Morgen bis zu Groll steigerten. Dann war es wieder vorbei. Aber heute morgen stimmte etwas nicht im Garten.
    »Pierre, im Garten steht ein Baum.«
    Sie setzte sich neben ihn.
    »Pierre, sieh mich an.«
    Pierre hob den Kopf und sah seine Frau gelangweilt an. Sophia legte ihren Schal ordentlich um den Hals, eine Gewohnheit, die sie aus ihrer Zeit als Sängerin bewahrt hatte. Die Stimme warm halten. Zwanzig Jahre zuvor hatte Pierre auf den steinernen Sitzreihen des römischen Theaters in Orange ein gewaltiges Gebirge aus Liebesschwüren und Beteuerungen errichtet. Unmittelbar vor einer Vorstellung.
    Sophia streckte die Hand aus und zog das freudlose Gesicht des Zeitungslesers zu sich.
    »Was ist mit dir, Sophia?«
    »Ich habe etwas gesagt.«
    »Ja?«
    »Ich habe gesagt: ›Im Garten steht ein Baum.‹«
    »Das habe ich gehört. Das scheint mir normal, oder?«
    »Da steht ein Baum im Garten, der gestern noch nicht da stand.«
    »Und weiter? Was geht mich das an?«
    Sophia war beunruhigt. Sie wußte nicht, ob es die Zeitung war oder der gelangweilte Blick oder der Baum, aber es war klar, daß irgend etwas nicht stimmte.
    »Pierre, erklär mir, wie ein Baum es anstellt, ganz allein in einen Garten zu kommen.«
    Pierre zuckte mit den Schultern. Es war ihm vollständig egal.
    »Was hat das für eine Bedeutung? Bäume pflanzen sich fort. Ein Samenkorn, ein Trieb, ein Wurzelschößling, und das war’s schon. Später werden in unseren Breiten große Wälder draus. Ich vermute mal, das weißt du.«
    »Es ist kein Trieb. Es ist ein Baum! Ein junger, gerader Baum mit Ästen und allem, was dazugehört. Ganz von selbst einen Meter vor die hintere Mauer gepflanzt. Also?«
    »Also hat der Gärtner ihn gepflanzt.«
    »Der Gärtner ist für zehn Tage in Ferien, und ich habe ihm auch keinen Auftrag gegeben. Es war nicht der Gärtner.«
    »Das ist mir egal. Glaub ja nicht, daß ich mich wegen eines kleinen, geraden Baums vor der hinteren Mauer aufregen werde.«
    »Willst du nicht wenigstens aufstehen und ihn dir ansehen? Wenigstens das?«
    Pierre stand schwerfällig auf. Mit der Lektüre war es sowieso vorbei.
    »Siehst du ihn?«
    »Natürlich sehe ich ihn. Es ist ein Baum.«
    »Gestern stand er noch nicht hier.«
    »Vielleicht.«
    »Ganz sicher. Was sollen wir tun? Hast du eine Idee?«
    »Warum eine Idee?«
    »Dieser Baum macht mir angst.«
    Pierre lachte. Er deutete sogar eine zärtliche Geste an. Aber nur flüchtig.
    »Es stimmt, Pierre. Er macht mir angst.«
    »Mir nicht«, sagte er und setzte sich wieder. »Ich finde den Besuch dieses Baums eher sympathisch. Man sollte ihn in Ruhe lassen, und Schluß damit. Und du solltest mich damit in Ruhe lassen. Wenn sich jemand im Garten geirrt hat, hat er halt Pech gehabt.«
    »Aber er ist nachts gepflanzt worden, Pierre!«
    »Um so wahrscheinlicher, daß sich jemand im Garten geirrt hat. Oder es ist ein Geschenk. Hast du das schon in Erwägung gezogen? Einer deiner Bewunderer wollte dich diskret zu deinem fünfzigsten Geburtstag ehren. Bewunderer neigen zu derlei Skurrilitäten, vor allem die hartnäckigen, mausartigen Bewunderer, die nicht erkannt sein wollen. Geh und sieh nach, ob vielleicht eine Nachricht dranhängt.«
    Sophia dachte nach. Die Idee war nicht ganz abwegig. Pierre hatte die Bewunderer in zwei große Kategorien unterteilt. Es gab die mausartigen Bewunderer: Sie waren ängstlich, hektisch, stumm und nicht zu vertreiben. Pierre hatte einmal eine Maus erlebt, die im Laufe eines Winters einen kompletten Reisbeutel in einen Gummistiefel befördert hatte. Korn für Korn. Auf die gleiche Weise gingen auch die mausartigen Bewunderer vor. Und es gab die rhinozerosartigen Bewunderer, in ihrer Art ebenfalls furchtbar: lärmig, brüllend und sehr von sich überzeugt. Innerhalb dieser beiden Kategorien hatte Pierre einen Haufen von Unterkategorien aufgestellt. Sophia erinnerte sich nicht mehr genau. Pierre

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