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Die Schmerzmacherin.

Die Schmerzmacherin.

Titel: Die Schmerzmacherin.
Autoren: Marlene Streeruwitz
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die scharfe Messerspitze fühlen, mit der Cindy ihr gerne das Gesicht zerschnitten hätte. In solchen Augenblicken. Sie fühlte die Absicht dieser Person, als mache sie es gerade. Als schnitte sie ihr gerade ein Gitterwerk in die Wangen. Oder in den Busen. Aber die anderen. Die wussten nichts davon. Die schienen davon nichts zu bemerken. Gregory sprach höchstens von verständlichen Emotionen. Cindy habe fast ohne Überprüfung arbeiten können, und sie habe eine phantastische Arbeit geleistet. Er habe selten eine so gute Ausstattung vorgefunden und immer alles in Bereitschaft. Cindy wartete ja auf etwas. Auch das war zu spüren. Sie wusste nicht, was das sein könnte. Es hatte einen sexuellen Geschmack. Das, worauf Cindy wartete, hatte etwas Sexuelles an sich, und das war aufregend. Für alle war das aufregend. So viel war in den Gruppensitzungen klar. Wenn vom Ernstfall die Rede war. Oder von einem Einsatz. Es schauten dann alle besonders ernst, damit man ihre Erregung nicht bemerken konnte. Aber die Männer rutschten dann hin und her, und Cindy schaute auf ihre Hände und spitzte den Mund so in einem Kätzchengrinsen.
    Es war heiß in der Halle. Sie knöpfte den Mantel auf und schob den hohen Kragen vom Hals weg. Cindy kam vom Kaffeeautomaten zurück und flüsterte: »Warum haust du nicht ab. Solche wie dich. Die brauchen wir hier nicht.« Und sie sagte zum Rücken von Cindy: »I don’t speak german.« und Cindy zuckte mit den Schultern. Selbstverständlich wusste Cindy, dass sie Deutsch sprach. Sie hätte das von Anfang an offen angeben sollen. Aber sie hatte gedacht. Am Anfang hatte sie gedacht, dass das alles ein Spaß wäre. Ein Spaß werden würde. Sie war auf das Ganze eingegangen, damit die Tante Marina in London nicht wieder sagen konnte, dass sie nie das mache, was ihr vorgeschlagen würde. Und dass sie eine Ausbildung bräuchte und dass das eine Chance für sie sei. Der Anruf war an einem Morgen gekommen, und am Abend war Gregory schon in Wien gewesen, und 2 Tage später war sie mit dem Kia losgefahren. Gregory hatte ihr in den schönsten Farben eine Karriere ohne viel Arbeit versprochen und die Adresse des Hotels gegeben. Das alles hier war das Ergebnis eines charity cocktails im »Savoy« in London für shareholder eines investment fonds, bei dem die Tante Marina mit Gregory ins Reden gekommen war, und jetzt musste sie so tun, als spräche sie nicht Deutsch, weil sie das auf den Formularen nicht angekreuzt hatte. Weil sie die Formulare sowieso nur irgendwie ausgefüllt hatte. Sie hatte einfach schräg von links oben nach rechts unten die Kästchen angekreuzt und gar nichts durchgelesen. Sie war jetzt eine Person, die von sich nichts wusste. Immer wieder wurde ihr gesagt, dass sie auf den Formularen aber andere Angaben gemacht habe. Heinz und Anton sagten das herausfordernd fragend. Cindy sagte das verächtlich verdächtigend. Gregory zog die Augenbrauen hoch. Boris und Kunz redeten gar nicht mit ihr. Gertrud schaute durch sie hindurch und grüßte sie nie. Von den anderen wusste sie die Namen noch nicht. Aber die waren irgendwie Personal, und ihr war nicht klar, was die machten. Da waren immer andere bei den Gruppensitzungen. Mentale Trainingseinheiten wurde das genannt, und sie sollte einmal einen Monat lang mitlaufen. Dann würde man beurteilen können, ob sie in die Ausbildung kommen sollte, hatte Anton gesagt. Gregory hatte sie vom Hotel abgeholt und als Überraschung mitgebracht, und seither fuhr sie hierher und wusste gleich beim Hereinkommen nicht, warum sie da war, und wünschte sich wieder weg. Seit 7 Wochen passierte ihr das so.
    Cindy war in den Sitzungssaal vorausgegangen. Gregory hatte sich auf die Ledercouch gesetzt und sah ihr zu. »Dreaming?«, fragte er sie. Sie sah Gertrud an. Gertrud schaute weg. Sie seufzte. Sollte sie gleich dieses Gespräch mit Gregory führen. Gleich hier in der Empfangshalle und vor Gertrud. Vielleicht war es gut, wenn jemand mithörte, wie sie ihren Abschied nahm. Das alles war nicht mehr lustig. Sie hatte falsch begonnen. Es war vertan. Sie hatte es wieder gemacht. Wieder etwas zu leicht genommen. Das alles lief auf die übliche Enttäuschung hinaus. Die Marina hatte sie nur wieder loswerden wollen. Und sie konnte auch gleich nach Wien zurückfahren. Das Geld für das Benzin. Das würde sie aus Gregory herausholen. Was wollte der überhaupt mit ihr. Für den spielte sie eine Rolle, aber sie wusste nicht, welche. Der hatte den Heinz und den Anton erschreckt,

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