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Die Schmerzmacherin.

Die Schmerzmacherin.

Titel: Die Schmerzmacherin.
Autoren: Marlene Streeruwitz
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und sie war der Schrecken. Aber was für einer. Sie war ja bereit, sehr viel mitzumachen. Aber ohne die geringste Information. Das war alles zu mühsam, und es war auch mühsam, dass er nichts mit ihr begonnen hatte. Da hätte sie gewusst, wie das ging und was sie wollte.
    Sie zog den Mantel aus. Sie stand in der Mitte der Halle. Draußen der Parkplatz vor der Glasfassade des Empfangs hell sonnenbeschienen. Sie legte den Mantel über den Arm und ging auf die Sitzecke zu. »Gregory.« sagte sie. »Gregory. We must talk.« und Gregory begann zu lachen. Sie saß mit dem Mantel vor sich Gregory gegenüber. Sie hielt den Mantel vor sich und ballte ihn hoch, damit das Schaffell dick vor ihrem Bauch und sie den Mantel gegen den Bauch drücken konnte. In den Bauch. Gregorys Lachen. Es machte sie empört und beleidigt, und sie hatte Angst. »Darling!«, lachte Gregory. Sie wäre zu süß. Too sweet. Er hätte nicht gedacht, noch einmal Naivität in dieser Form zu sehen zu bekommen. Seine Amy. Er begann wieder zu lachen. Sie war plötzlich müde. Sie lehnte sich zurück. Legte den Kopf auf die Rückenlehne. Spürte das kühle harte Leder gegen das Genick. Das war alles lächerlich. Sie musste gar nichts machen. Die Marina sollte ihr ganz einfach regelmäßige Vorschüsse auf die Erbschaft auszahlen. Dann ging sich alles aus. Sie musste nicht auf die Stimme der Vernunft hören. Dass sie einen Beruf bräuchte. Wie alle anderen auch. Soviel sie sehen konnte, konnte niemand von den anderen auch mit den Berufen viel anfangen. Alle schlugen sich durch. Alle lebten irgendwie. Eine ihrer letzten Beschäftigungen war bei einer Agentur gewesen, und sie hatte im engen T-Shirt mit dem Logo der Agentur die Ehrengäste bei einem Symposium begrüßt und den Namen der Person in einer Exceldatei abgehakt. Dafür hatte ihr abgebrochenes BWL -Studium gereicht. Warum ihr Busen sich deutlich abzeichnen musste, hatte sie bei der Besprechung gefragt, warum sie nicht eine Jacke anziehen könnte. Das würde doch die Seriosität des Ganzen heben, und sie würde auch eine eigene anziehen, damit es nichts kosten sollte. Dieser Joe hatte sie freundlich nachdenklich angesehen und sie gefragt, ob sie noch nie etwas von Gegensätzen gehört hätte. Für die Seriosität wären er und der Geschäftsführer zuständig. Was das Gegenteil von Seriosität für ihn wäre, hatte sie gefragt. Aber sie hatte nur mehr so einen Blick als Antwort bekommen. Und Gregory lachte noch immer. Er konnte sich gar nicht fangen. Das war schon alles so, dachte sie. Es war ganz einfach alles nur so, und sie musste seufzen.
    Sie schaute zur Decke. Ihretwegen konnte sie jetzt hier einschlafen. Am Ende kümmerte sich nur der Wodka um sie. Der Wodka hielt ihr die Welt weit weg und ließ diesen blöden Madrigal unwichtig werden. Sie hob den Kopf und schaute ihn an. Er lag zurückgelehnt auf der anderen Couch. Das Licht hinter ihm draußen. Seine Haare hingen ihm über die Augen. Die geplatzten Äderchen auf seinen Wangen hellrot abgezeichnet. Der Lachanfall hatte sein Gesicht rot zurückgelassen. Er zog sein Stecktuch aus der Brusttasche seines dunkelblauen Blazers und wischte sich die Wangen ab.
    Was es denn zu weinen gäbe, fragte sie. Sie senkte den Kopf nicht und sprach zur Decke hinauf. Was er Marina erzählen wolle, wenn er wieder in London sein würde. Sie wolle es nur wissen, damit ihre Geschichten übereinstimmten. Gregory lachte wieder und wischte sich die Tränen ab. Er stand auf. Er faltete das Stecktuch sorgfältig zusammen und steckte es wieder in die Brusttasche. So einfach wäre die Sache längst nicht mehr. Sie solle nicht vergessen, dass sie sich verpflichtet habe, und jetzt begänne die Sitzung gleich. Gregory ging weg. Sie blieb sitzen.
    »Gehen Sie weg.« hörte sie von hinten. Sie war nicht sicher. Hatte Gertrud das gesagt. Gertrud hatte bisher noch nie mit ihr gesprochen. Kein einziges Wort. Von Gertrud hatte sie ihre Sicherheitskarte und den Schlüssel für den Garderobenschrank im Umkleideraum bekommen, ohne dass ein Wort gewechselt worden war. Gertrud hatte mit dem Kugelschreiber auf die Zeile gezeigt, auf der sie die Übernahme bestätigen sollte, und dann die Papiere zu sich gezogen. Gertrud hatte nicht einmal aufgesehen. Sie setzte sich auf und schaute sich um. Gertrud sah sie an und senkte dann den Blick. »Haben Sie etwas gesagt?«, fragte sie und lehnte sich über die Lehne der Couch. Gertrud reagierte nicht. Sie saß bewegungslos und schaute auf die

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