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Die Nonne und die Hure

Die Nonne und die Hure

Titel: Die Nonne und die Hure
Autoren: Christa S. Lotz
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1.
    Die Sonne brannte erbarmungslos nieder, Tag für Tag; auch in den Nächten kühlte es kaum ein wenig ab. Es war, als hätte sich ein Schatten über alles gelegt, über die Kuppe des Monte del Grappa, die sich in der Ferne erhob, über die Weinreben, Wälder und Olivenplantagen. Selbst die Farbe des Himmels hatte sich von einem klaren Blau in ein schmutziges Grau verfärbt.
    Celina saß am Ufer der Brenta und ließ ihre Beine im kühlen Fluss baumeln. Kein Vogel war zu hören, keine Grille zirpte. Die Stille lastete schwer auf ihr. Irgendetwas würde passieren, sie spürte es an ihrem dumpfen, langsamen Herzschlag, am Kribbeln ihrer Hände, an der Gänsehaut, die trotz der Hitze langsam über ihren Körper kroch. Ein Plätschern schreckte sie aus ihrer Ruhe auf. Sie bemerkte einen Silberreiher, der im Fluss umher watete. Er tauchte seinen Schnabel langsam, fast bedächtig ein, zog einen zappelnden Fisch heraus und würgte seinen Fang hinunter, wobei er sich fast den Hals verrenkte. Eine bräunliche Flüssigkeit tropfte an seinem Gefieder herab.
    Fressen und gefressen werden, dachte Celina, ist das der Sinn allen Lebens? Ging es nicht auch in der Welt der Menschen so zu? Sie hatten sich gegenseitig in ihren Kriegen abgeschlachtet, immer nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Celina war jedoch nicht, wie jeden Sommer, auf das Landgut ihrer Eltern gekommen, um sich solch trüben Gedanken hinzugeben. In schneller Folge gingen ihr Erinnerungen und Bilder durch den Kopf: ihre behütete Kindheit, die Zuneigung ihrer Eltern, die sich nie Sorgen um ihr Auskommen machen mussten. Viele hatten mehr Mühsal zu ertragen.Während andere neunzehnjährige Mädchen ihre Augen nach den Männern verdrehten oder mit einem passenden, möglichst wohlhabenden Mann verheiratet wurden, galt ihre ganze Liebe den Büchern, insbesondere den Werken von Dante und Petrarca. So wie Beatrice oder Laura wollte sie auch einmal geliebt werden. Doch sah das Leben nicht ganz anders aus? Manchmal hatte sie die Mägde in ihren Kammern stöhnen gehört, und später war einer der Knechte oder ein Fremder mit schweißglänzendem, hochrotem Gesicht herausgekommen.
    Dieser Tag war anders als alle anderen zuvor. Es stand förmlich in der Luft geschrieben, dass etwas passieren würde, was ihr Leben verändern würde. Sie erhob sich und wandte sich zurück zum Haus, das durch einen parkähnlichen Garten vom Fluss getrennt war. Der Weg führte zum Hauptgebäude aus weißem istrischem Gestein. Hecken aus Buchsbaum säumten ihn, in der Mitte befand sich ein Springbrunnen mit zwei Löwen, aus deren Mäulern Wasser sprudelte. Standen da nicht zwei Gestalten an der Ecke des Hauses? Celina rieb sich die Augen; es war nichts zu sehen. Eine Wolke schob sich vor die Sonne und verdunkelte einen Moment lang den Himmel.
    »Das Mittagessen ist fertig«, ertönte die Stimme ihrer Tante Faustina. Ich habe keinen Hunger, dachte Celina.
    Sie ging um das Haus herum in den Garten und setzte sich an den Tisch, der mit Damasttüchern gedeckt war. Zum Schutz vor der Sonne hatte Onkel Eugenio weiße Leinensegel darübergespannt. Gläser aus Muranoglas standen neben den Tellern, Silbergabeln und Löffel lagen neben dem Essgeschirr. Celina setzte sich so, dass sie ihre Verwandten nicht anschauen musste.
    »Hast du dich wieder am Fluss herumgetrieben?«, fragte Eugenio.
    »Mir war heiß.«
    »Celina ist eben eine Nixe, die es zum Wasser zieht«, bemerkte Tante Faustina spitz.
    »Ich habe nichts dagegen, wenn sie sich für die Umgebung interessiert«, sagte der Onkel. »Und jetzt genug des Geredes. Der erste Gang ist aufgetragen.«
    Auf dem Tisch stand eine Schüssel dampfender Pasta mit Sardellen- und Butterstückchen garniert.
    »Ich habe keinen Hunger«, sagte Celina.
    »Du brauchst nicht viel zu essen«, erwiderte ihre Tante. »Nimm von jedem Gang nur eine kleine Portion.«
    Celina häufte sich etwas von der Pasta auf den Teller. Die Nudeln schmeckten bemerkenswert gut. Der nächste Gang wurde gebracht, kalter Truthahn mit Trüffelsoße. Es duftete so verlockend, dass sie sich von der Magd, einer kleinen, hübschen Venezianerin, ein etwas größeres Stück auflegen ließ. Sie hörte ein Hüsteln hinter sich und drehte sich um. Der Diener der Familie stand dort, er hielt einen Brief in der Hand, verbeugte sich und verkündete: »Ein reitender Bote hat eben dieses Schreiben überbracht. Er sagte, es gehe um das Schiff, mit dem die Herrschaften nach Istrien gereist seien.«
    Celina

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