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Die Morde des Herrn ABC

Die Morde des Herrn ABC

Titel: Die Morde des Herrn ABC
Autoren: Agatha Christie
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1
     
    I m Juni 1935 kam ich von meiner Ranch in Südamerika für ungefähr sechs Monate in die Heimat zurück. Wir hatten schwierige Zeiten gehabt dort draußen. Wie überall machte sich die weltweite wirtschaftliche Depression auch bei uns bemerkbar. Ich hatte in England verschiedene Geschäfte zu erledigen, bei denen mir meine persönliche Anwesenheit unerlässlich schien. Meine Frau hatte inzwischen die Leitung unserer Ranch übernommen.
    Ich brauche wohl nicht eigens zu versichern, dass mein erster Weg mich zu Hercule Poirot führte.
    Nach einer herzlichen Begrüßung betrachtete ich meinen alten Freund näher. Er sah prächtig aus – kaum einen Tag älter geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte.
    «Sie sehen beneidenswert gut aus, Poirot», sagte ich. «Keine Spur gealtert! Im Gegenteil! Wenn das möglich wäre, würde ich sogar behaupten, Sie hätten das letzte Mal, als ich Sie sah, mehr graue Haare gehabt.»
    Poirot blickte mich strahlend an.
    «Und warum sollte das nicht möglich sein? Es stimmt!»
    «Soll das heißen, dass Ihre Haare vom Grau wieder zum Schwarz wechseln statt umgekehrt?»
    «Genau das.»
    «Aber das ist doch eine wissenschaftliche Unmöglichkeit!»
    «Ganz und gar nicht.»
    «Mir kommt das unnatürlich vor.»
    «Sie sind noch immer der reine Tor, Hastings, wie eh und je. In diesem Punkt konnten die Jahre Sie nicht verändern! Es fällt Ihnen etwas auf, Sie sagen es laut und erwähnen auch gleichzeitig die Lösung – aber Sie merken es selber nicht!»
    Ich starrte ihn verwundert an.
    Er verschwand wortlos in seinem Schlafzimmer und kam mit einer Flasche zurück, die er mir aushändigte.
    Ich las die Aufschrift:
    REVIVIT – gibt dem Haar seine natürliche Tönung wieder.
    REVIVIT – ist ein Färbemittel. Erhältlich in fünf Farbtönen: Aschblond, Kastanienbraun, Tizianrot, Braun und Schwarz. «Poirot», rief ich entsetzt, «Sie haben Ihre Haare gefärbt!»
    «Endlich begreifen Sie es!»
    «Allmächtiger», sagte ich, als ich mich von diesem Schock erholt hatte, «vielleicht tragen Sie, wenn ich das nächste Mal komme, einen falschen Schnurrbart! Oder ist der jetzige schon falsch?» Poirot zuckte ein wenig zusammen. Sein Schnurrbart war von jeher Gegenstand seines größten Stolzes gewesen. Meine Worte hatten ihn also ziemlich getroffen.
    «Nein! Das denn doch nicht, mon ami. Ich bete zu Gott, dass dieser Tag mir noch recht fern sein möge. Falscher Schnurrbart! Quel horreur!»
    Er zupfte energisch an seinem Bartschmuck, um mich von seiner unbedingten Echtheit zu überzeugen.
    «Sehen Sie? Ich habe in ganz London noch keinen einzigen Schnurrbart gesehen, der sich mit dem meinigen vergleichen kann!»
    Kunststück, bei dieser Pflege! dachte ich, aber laut ausgesprochen hätte ich es nie, um Poirots Gefühle nicht zu verletzen. Stattdessen fragte ich ihn, ob er seinen Beruf noch immer ausübe.
    «Ich weiß zwar, dass Sie sich offiziell vor Jahren zurückgezogen haben…»
    «C’est vrai. Um Kürbisse zu pflanzen! Aber dann passiert plötzlich ein Mord – und ich schicke die Kürbisse zum Teufel. Seit meinem so genannten Rücktritt komme ich mir vor wie eine Primadonna, die ihre Abschiedsvorstellung gibt! Diese Abschiedsvorstellung wiederholt sich unaufhörlich, viele, viele Male!»
    Ich musste lachen.
    «Mon cher, es ist wirklich fast so. Jedes Mal sagte ich: Jetzt ist Schluss! Aber nein – dann kommt wieder etwas Neues! Und unter uns: Mir liegt absolut nichts am Ruhestand. Wenn man die kleinen grauen Zellen des Gehirns nicht trainiert, rosten sie ein.»
    «Ich verstehe. Und Sie trainieren sie also bis zu einem gewissen Grad.»
    «Richtig. Ich wähle aus. Für Hercule Poirot nur noch die Creme der Verbrechen!»
    «Und gab es viel Creme in letzter Zeit?»
    «Pas mal. Vor kurzem bin ich knapp davongekommen. Fast hätte man mich erledigt.»
    Ich pfiff durch die Zähne.
    «Ein unternehmungslustiger Mörder!»
    «Weniger unternehmungslustig als unvorsichtig. Jawohl, das war er: unvorsichtig. Aber lassen wir das jetzt. Wissen Sie, Hastings, Sie sind für mich in mancher Hinsicht so etwas wie ein Maskottchen.»
    «Wirklich? Wie meinen Sie das?»
    «Kaum hatte ich gehört, dass Sie herüberkämen, da sagte ich mir: Es wird etwas geschehen. Wir werden wieder zusammen jagen. Aber wenn, dann wird es nichts Gewöhnliches sein, keine plumpe Mordaffäre, sondern etwas –», er fuhr mit der Hand durch die Luft,« – etwas Delikates… recherché, fine…» Er sprach die beiden Worte

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