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Flammender Diamant

Titel: Flammender Diamant
Autoren: Ann Maxwell
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Prolog
    Wenn Abe Windsor nicht wirklich tot ist, dann schwör' ich, daß ich ihn umbringe.
    Für Jason Street war dieser Gedanke sowohl Wunsch als auch Versprechen. Zehn Stunden war es her, daß sein Informant aus Crazy Abes Station in Westaustralien seinen Funkspruch durchgegeben hatte. Seitdem war Street ununterbrochen unterwegs gewesen zu der verlassenen Station nahe den Sleeping Dog-Minen. Zuerst vier Stunden Flug mit einer gecharterten Maschine von Perth aus, dann die endlosen nächtlichen Stunden hinter dem Steuer eines heruntergekommenen Geländewagens, mit gnadenlosem Tempo über steinige Pisten, in Richtung einer der verlassensten Gegenden des Kontinents.
    Aber nicht die halsbrecherische Fahrt war der Grund für Streets Zorn, sondern die Angst, daß womöglich mehr als zehn Jahre Geduld und Mühe verloren waren, allein des Suffs eines wüsten alten Kerls wegen.
    Das Kreuz des Südens verblaßte am Himmel und wich langsam der brutalen gelben Glut der aufgehenden Sonne. Schon jetzt war es am Südostrand des Kimberley-Plateaus dreißig Grad heiß, und mit der Sonne würde die Temperatur steigen. Das grelle Licht enthüllte trockenes Wüstengras und verkrüppelte Eukalyptusbäume, roten Staub und vereinzelte felsige Erhebungen. Über allem stand die Sonne, immer die Sonne, das einzige, was in Westaustralien wirklich zu Hause war.
    Es klang wie Schüsse, wenn aufgewirbelte Steine von der Bodenwanne des schwer strapazierten Wagens abprallten, der schlingernd über die kaum erkennbare Piste raste. Doch Street wußte genau, wo er hin wollte. Zehn Jahre lang war er diese Strecke immer wieder gefahren, zehn Jahre, in denen er versucht hatte, dem alten Mann irgendwie sein Geheimnis zu entlocken. Wenn Crazy Abe jetzt noch irgendwie ansprechbar war, würde Street alles erfahren, bevor das Kreuz des Südens wieder über Australien aufging.
    Der Wagen schoß in einer Staubwolke über eine leichte Anhöhe, und Abes Station, seine dürftige Behausung, lag vor ihm. Die Besitztümer des alten Mannes waren wie Wrackteile über mehrere Morgen flaches, kahles Land verstreut: ein klappriges Haus mit Wellblechdach, ein paar windschiefe Schuppen, rostige Zugmaschinen, kaputte Bergbaugerätschaften und die Reste einer Propellermaschine, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ganz in der Nähe abgestürzt war.
    Plötzlich erhob sich ein glitzernder, lauter und sehr moderner Hubschrauber dicht hinter dem Haus in den Himmel. Street trat in die Bremse und versuchte, irgendwelche Erkennungszeichen an dem Hubschrauber auszumachen, als dieser schwenkte und über ihn hinwegbrauste. Vielleicht das Wappen der Polizei, der Armee oder der Luftrettung.
    Aber die glatten Seiten des Hubschraubers waren unbeschriftet und anonym. Seine Eigentümer hatten offensichtlich genausowenig Interesse daran, bekannt zu werden, wie Street. Wütend und beunruhigt schlug er mit der Faust gegen das Steuerrad, legte heftig den Gang ein und raste den flachen Hügel hinunter.
    Der Wagen war auf der staubigen roten Erde kaum zum Stehen gekommen, da rollte Street sich mit einer halbautomatischen Pistole in der Hand aus dem Jeep und ließ sich fallen. Dann glitt er mit gekonnten Bewegungen hinüber in den Schutz einer der Hausecken und riskierte einen kurzen Blick durch ein schmutziges Fenster.
    Eine einzige Paraffinlampe erleuchtete das große Zimmer des Hauses. Eine barfüßige Leiche lag unter einem ausgefransten Stück Segeltuch auf dem langen Tisch mitten im Raum. Das einzige, was sich bewegte, waren die hier draußen im Outback üblichen Schwärme von Fliegen.
    Street fluchte, ließ seine Vorsicht fahren und brach mit dem Stiefel die Tür ein. Der Gestank des Todes strömte auf den kahlen Hof hinaus. Street blickte über den Lauf seiner Pistole in den Raum. Nichts erwiderte seinen Blick. Würgend angesichts des Geruchs ging er zum Tisch und hob einen Zipfel des Tuches. Eine Wolke von Fliegen stob auf.
    Dem Zustand der Leiche nach zu urteilen war Abe Windsor schon seit einer ganzen Weile tot. Selbst wenn man die für Oktober normale feuchte Hitze des Buildup, jener Zeit wachsender Schwüle vor der Regenperiode, berücksichtigte, war der alte Mann sicher schon drei Tage tot. Doch die breite Narbe an seinem linken Handgelenk, die der Verwesung länger standgehalten hatte als das weichere Fleisch drumherum, ließ keinen Zweifel daran, daß der Tote Abe Windsor war.
    Mit einem angewiderten Laut ließ Street die Plane fallen und blickte sich um. Er nahm nicht an, daß

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