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Der Auftrag oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter

Der Auftrag oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter

Titel: Der Auftrag oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter
Autoren: Friedrich Dürrenmatt
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Friedrich Dürrenmatt
    Der
    Auftrag
    oder
    Vom Beobachten des Beobachters der
    Beobachter

    Novelle in
    vierundzwanzig
    Sätzen

    Non-profit ebook by tigger
    Oktober 2003
    Kein Verkauf!

    Diogenes

    Umschlagillustration:
    Ausschnitt aus ›Die Astronomen‹ von
    Friedrich Dürrenmatt
    Originalausgabe
    Alle Rechte vorbehalten
    Copyright © 1986 by Diogenes Verlag AG Zürich 300/86/8/1
    ISBN 3 257 01730 8

    Für Charlotte

    Was wird kommen? Was wird die
    Zukunft bringen? Ich weiß es nicht,
    ich ahne nichts. Wenn eine Spinne
    von einem festen Punkt sich in ihre
    Konsequenzen hinabstürzt, so sieht
    sie stets einen leeren Raum vor
    sich, in dem sie nirgends Fuß fas-
    sen kann, wie sehr sie auch zap-
    pelt. So geht es mir; vor mir stets
    ein leerer Raum; was mich vor-
    wärtstreibt, ist eine Konsequenz,
    die hinter mir liegt. Dieses Leben
    ist verkehrt und grauenhaft, nicht
    auszuhalten.

    Kierkegaard

    1

    Als Otto von Lambert von der Polizei benachrichtigt worden war, am Fuße der Al-Hakim-Ruine sei seine Frau Tina vergewaltigt und tot aufgefunden worden, ohne daß es gelungen sei, das Verbrechen aufzuklären, ließ der Psychiater, bekannt durch sein Buch über den Terrorismus, die Leiche mit einem Helikopter über das Mittelmeer transportieren, wobei der Sarg, worin sie lag, mit einem Tragseil unter der Flugmaschine befestigt, dieser nachschwebend, bald über sonnenbeschienene unermeß-
    liche Flächen, bald durch Wolkenfetzen flog, dazu noch über den Alpen in einen Schneesturm, später in Regengüsse geriet, bis er sich sanft ins offene von der Trauerversammlung um-stellte Grab hinunterspulen ließ, das alsobald zugeschaufelt wurde, worauf von Lambert, der bemerkt hatte, daß auch die F.
    den Vorgang filmte, seinen Schirm trotz des Regens schlie-
    ßend, sie kurz musterte und sie aufforderte, ihn noch diesen Abend mit ihrem Team zu besuchen, er habe einen Auftrag für sie, der keinen Aufschub dulde.

    2

    Die F., bekannt durch ihre Filmporträts, die sich vorgenommen hatte, neue Wege zu beschreiten und der noch vagen Idee nachhing, ein Gesamtporträt herzustellen, jenes unseres Planeten nämlich, indem sie dies durch ein Zusammenfügen zufälliger Szenen zu einem Ganzen zu erzielen hoffte, weshalb sie auch das seltsame Begräbnis gefilmt hatte, verblüfft dem massigen Mann nachschauend, von Lambert, der regennaß und unrasiert mit offenem schwarzem Mantel sie angeredet hatte und grußlos von ihr gegangen war, entschloß sich nur zögernd, 6

    die Aufforderung anzunehmen, weil ein ungutes Gefühl ihr sagte, etwas stimme nicht und außerdem laufe sie Gefahr, in den Sog einer Geschichte zu geraten, die sie von ihren Plänen ablenke, so daß sie eigentlich widerwillig mit ihrem Team in der Wohnung des Psychiaters erschien, allein von der Neugier getrieben, was dieser von ihr wolle und entschlossen, auf nichts einzugehen.

    3

    Von Lambert empfing sie in seinem Studierzimmer, verlangte unverzüglich gefilmt zu werden, ließ willig alle Vorbereitun-gen über sich ergehen, erklärte dann vor der laufenden Kamera, hinter seinem Schreibtisch sitzend, er sei am Tode seiner Frau schuldig, weil er die oft unter schweren Depressionen Leidende immer mehr als Fall statt als Frau behandelt hätte, bis sie, nachdem ihr seine Notizen über ihre Krankheit durch Zufall zu Gesicht gekommen, kurzerhand das Haus verlassen habe, nach der Meldung der Hausdame nur in ihrem roten Pelzmantel über einen Jeansanzug geworfen und mit einer Handtasche, seitdem habe er nichts mehr von ihr gehört, doch habe er auch nichts unternommen, von ihr etwas zu erfahren, um ihr einerseits jede Freiheit zu lassen, andererseits ihr, käme sie auf seine Nachforschungen, das Gefühl zu ersparen, sie würde von ihm weiterhin beobachtet, doch jetzt, da sie ein so entsetzliches Ende genommen und er nicht nur in seiner Methode ihr gegenüber, jener der kühlen Beobachtung, die der Psychiatrie vorgeschrie-ben sei, sondern auch in seinem Unterlassen jeder Nachforschung seine Schuld erkenne, erachte er es für seine Pflicht, die Wahrheit zu erfahren, mehr noch, sie der Wissenschaft zugänglich zu machen, herauszufinden, was sich ereignet habe, sei er 7

    doch an die Grenze seiner Wissenschaft gestoßen, die sich im Schicksal seiner Frau abzeichne, gesundheitlich sei er eine Ruine und nicht im Stande, selber hinzufahren und so gebe er denn ihr, der F., den Auftrag, mit ihrem Team das Verbrechen an seiner Frau, wovon er als Arzt der Urheber sei, der Täter jedoch nur

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