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Die Kinder des Saturn

Die Kinder des Saturn

Titel: Die Kinder des Saturn
Autoren: Stross Charles
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los!«, brülle ich ihn an. »Auf der Stelle!« Als ich mit den Fingerspitzen sein Fell berühre, beginnen sie zu kribbeln und Funken zu sprühen. Hat er keine Ohren? Er sieht so bizarr aus, dass er durchaus ein Bewohner des Vakuums sein könnte.
    Nachdem sich das Ding kurz gekrümmt hat, erschlafft es unter meiner Hand. Ich schnappe mir den Seelenfriedhof und verstaue ihn hastig hinter mir. »Wer bist du, und was machst du hier?«, frage ich scharf.
    Doch das Ding antwortet nicht, rührt sich nicht einmal mehr. Zwischen meinen Fingerspitzen steigt dünner, ätzend riechender Rauch auf. »Oh je«, murmle ich. Hab ich das Ding kaputt gemacht? Ich löse die Hand von seinem Rücken und starre es an. Das raue Fell sieht so aus, als wäre es aus groben Federn gemacht. Als ich es näher untersuche, entdecke ich zweipolige rekursive
Funktionen. Also handelt es sich tatsächlich um einen Vakuumbewohner, dazu noch um einen lauten. Das Ding verfügt nicht über Lungen, aber über eine kompakte Gasflasche und ein Netzwerk zur Einspeisung von Energie. All das verrät mir, dass es sich für einen kurzen Ausflug in die Gravitationssenke ausgerüstet hat. Das ist einfach zu bizarr! Ich greife nach dem Seelenfriedhof und inspiziere ihn gründlich: Offenbar ist er nicht beschädigt, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, sonst müsste ich ja jetzt all seine Bewohner, einen Seelenchip nach dem anderen, herunterladen. Später, beschließe ich und verstaue das Kästchen in meiner abgewetzten Schultertasche. »Wehe, du hast was kaputt gemacht!«, warne ich den außer Gefecht gesetzten Einbrecher. Plötzlich packt mich die Rachelust, und ich gebe dem schlaffen Körper einen so heftigen Fußtritt, dass er quer durchs Zimmer segelt. Als er auf die gegenüberliegende Wand prallt, erwacht er unerwartet wieder zum Leben, schickt ohrenbetäubend laute Mikrowellen aus, faltet Arme und Beine zusammen und richtet den Impuls direkt auf mein Gesicht.
    »Verdammte Scheiße!« Ich ducke mich, als das Ding auf einer Welle streng verbotener Gase an meinem Kopf vorbeizischt und durch die offene Tür saust. Offenbar dient die Gasflasche nicht der Atmung, sondern anderen Zwecken. Zur Sicherheit wirble ich herum, aber das Ding macht keine Anstalten, ins Zimmer zurückzukehren. Stattdessen … Ist da ein Riss in der Wand gegenüber? Oh je! Ja, tatsächlich. Der kleine Einbrecher hat soeben ein Loch in die Außenhülle der Stadt gerissen. Das wird das Überwachungspersonal keineswegs freuen. Ich hau wohl besser ab.
    Ich nehme nur die Schultertasche mit, in der sich die Seelenchips all meiner toten Schwestern befinden, steige die Treppe hinunter und mache mich auf den Weg zu Victor, um herauszufinden, was er für mich deichseln konnte.

telemus und lindy
    IN DER KNEIPE IST KAUM MEHR LOS als bei meinem Aufbruch, aber es sitzt ein Unbekannter bei Victor. Milton deutet mit dem Kinn hinüber.
    »Ah, Freya«, begrüßt mich Vic. »Ich möchte dir Ichiban vorstellen.«
    Ichiban – japanisch für Nummer eins , wie ich weiß – wendet mir tellergroße blaue Porzellanaugen zu und neigt andeutungsweise den Kopf. Ein Instinkt sagt mir Aristo! , so dass ich fast zurückfahre, doch dann wird mir klar, dass ich mich geirrt habe. Er will zwar aussehen wie ein Aristo, ist aber keiner, nie im Leben! »Freut mich sehr, Sie kennenzulernen«, sage ich und erwidere seine leichte Verbeugung. Während wir alberne Höflichkeiten miteinander austauschen, versuche ich, mir ein genaueres Bild von ihm zu machen.
    »Ichiban hat ein kleines Problem«, erklärt Victor. »Vielleicht kannst du ihm dabei helfen, es zu lösen. Es schließt eine Reise mit ein.«
    »Ich helfe gern, soweit ich kann«, erwidere ich vorsichtig.
    »Gut.« Ichiban nickt nachdenklich. »Sie sind sehr groß.« Er mustert mich von Kopf bis Fuß. Stimmt: Ich bin fast einen Meter siebzig groß. Tatsächlich bin ich eine idealisierte Reproduktion der Spezies, der unsere Schöpfer angehörten, ganz anders als die schrecklich deformierten Winzlinge, deren Phänotyp in der Klasse der neuen Reichen heutzutage am weitesten verbreitet ist. »Gut ausgeprägte thermische Stabilität«, setzt Ichiban unerwartet nach. »Und Sie wurden für die Erde geschaffen, vor der Emanzipation.«

    Gut ausgeprägte thermische Stabilität? Ich lächle, denn meine biomimetischen Reflexe setzen ein. Meine Wangen erröten zart und signalisieren leichte Verlegenheit oder Verwirrung. Emanzipation? Von was redet der da? »Ich fürchte, ich kann

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