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Die Kinder des Saturn

Die Kinder des Saturn

Titel: Die Kinder des Saturn
Autoren: Stross Charles
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schlafen und träumen kann, wenn ich Letzteres nach Möglichkeit auch vermeide, denn ich neige zu wiederkehrenden Albträumen. Die Miete kostet mich einen Riesenbrocken meiner Einkünfte, und ich beschränke mich auf ein Minimum an Mobiliar, denn die Materiesteuer ist wahnsinnig hoch. Außerdem habe ich festgestellt, dass es billiger ist, öffentliche Versorgungseinrichtungen zu nutzen, als mich selbst mit irgendwelchen Annehmlichkeiten auszustatten. Trotz allem ist dieses Zimmer noch am ehesten das, was ich als Zuhause bezeichnen kann. Es gibt nicht viel, was ich von hier mitnehmen möchte – bis auf den Seelenfriedhof, den ich im Zimmer aufbewahre. Ohne den gehe ich nirgendwohin.
    Ich bahne mir den Weg durch schwankende Fabriktunnel, die quer durch die windgepeitschte Leere führen, klettere über Leitern, Stromschienen und nach unten führende Gleise. Hier ist es schmutzig und heiß, denn im Vergleich zu den großen Ballsälen und Spielsalons wird die Atmosphäre in diesen Räumen nur schlecht kontrolliert. Es hält sich ja sowieso nur das Wartungspersonal
darin auf, das diesen schwebenden Vergnügungspalast für die Aristos in ihren hochherrschaftlichen Kabinen auf den Promenadendecks hegt und pflegt. Hier wohnen die kleinen Würstchen, die sowieso nichts zu melden haben – ein Deck oberhalb der Unterkünfte der Zwangsarbeiter, die von den Chips der Sklavenhalter kontrolliert werden.
    Mein Zimmer ist einer der ehemaligen Frachtcontainer, die irgendwelche längst vergessenen Bauarbeiter zusammengeschweißt und in Apartments umgewandelt haben. Manche dieser Apartments sind höchstens handtuchgroß, während andere aus mehreren zusammengelegten Containern bestehen. Wenn die Stadt ihre Turbinenantriebe anwirft, um turbulenten Wolkenformationen auszuweichen, schwanken sie leicht. Die Aristos des Lenkungsausschusses bezeichnen uns als »Ballast« und reißen plumpe Witze darüber, dass sie diesen Ballast abwerfen werden, falls die Stadt in einen starken Sturm gerät.
    Während ich die Leiter zu meiner Eingangstür hinuntersteige, höre ich ein leises, scharrendes Geräusch, so als krabbelten Gliederfüßler aus Kunststoff über Metallboden. Sofort bin ich auf der Hut und spanne mich innerlich an. Das Geräusch kommt aus meinem Zimmer! Ist einer von Stones Geschwistern mir bereits auf den Fersen? Ich wende den Kopf hin und her, lausche und versuche das Geräusch zu identifizieren. Irgendetwas bewegt sich da drinnen, irgendetwas Kleines krabbelt dort herum, das viel zu viele Beine hat. Das kann nicht Stone sein. Hastig und so leise wie möglich steige ich weiter hinunter und halte mich auf dem engen Mauervorsprung neben der Tür bereit. Die Tür ist mit einem mechanischen Vorhängeschloss gesichert, das ich selbst dort angebracht habe, und irgendjemand hat, wie könnte es anders sein, den Bügel durchgefräst. Das Schloss baumelt lose vom Türriegel herunter und ist mit weißen Pulverflocken überzogen. Immer noch bewegt sich der Einbrecher in meinem Zimmer; offenbar rechnet er nicht damit, ertappt zu werden. Ich lausche kurz: Als mein »Besucher« sich nahe beim Drucker an irgendetwas zu schaffen macht, reiße ich die Tür auf und stürme hinein.

    Der Raum ist ein einziges Chaos: Das Bettzeug ist aufgeschlitzt, der Drucker umgestoßen, so dass Betriebsflüssigkeit heraussickert, die vorher im Schrank verstaute Kleidung überall verstreut. Und mittendrin hockt der Übeltäter. So etwas wie dieses Ding habe ich noch nie gesehen: Es hat sechs dünne Ärmchen, einen mit borstigem Fell überzogenen Rumpf, der mir bis ans Knie reicht, und drei große Fotorezeptoren rings um komplexe Fresswerkzeuge. Und es umklammert meinen Seelenfriedhof, hat den Deckel des Kästchens aufgeklappt und lässt seinen Atem über die Seelenchips meiner toten Schwestern streichen. »He, du da!«, schreie ich das Ding an.
    Der Einbrecher wirft den Kopf zu mir herum, springt auf die Füße und erzeugt mit gesträubtem Fell auf Mikrowellenlänge eine Explosion von Zufallsgeräuschen. Meinen Seelenfriedhof fest an sich gedrückt, saust er mir zwischen die Beine. Hastig setze ich mich hin, greife nach ihm und drücke ihn zu Boden. Er hat den Umfang eines mittelgroßen Hundes – jener Kreaturen, die sich meine Erzeuger als Gefährten hielten, ehe sie uns schufen. Und die ganze Zeit über schreit er so, als hätte er Angst, ich würde ihn umbringen. Was ich vielleicht auch tun werde, falls er meinen Seelenfriedhof beschädigt hat.
    »Lass das sofort

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