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Die Katze riecht Lunte

Die Katze riecht Lunte

Titel: Die Katze riecht Lunte
Autoren: Rita Mae Brown
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    Betörender Fliederduft waberte über das Weidegras. Mrs Murphy war auf Rose Hill, der Farm der alten Tally Urquhart, in den verlassenen Nebengebäuden auf nächtlicher Jagd. Das Herzstück der Farm, die früher ein bedeutendes Gut gewesen war, befand sich nach wie vor in tadellosem Zustand. Aufgrund ihres hohen Alters sowie steigender Steuern und Löhne sah sich Thalia »Tally« Urquhart wie so viele ihresgleichen gezwungen, die abseits gelegenen Gebäude sich selbst zu überlassen.
    Eine große aus Stein errichtete Scheune, deren Mittelgang so breit war, dass vier Heuwagen nebeneinander Platz fanden, stand inmitten kleiner anderthalbstöckiger Steinhäuser mit Schieferdächern. Die Gebäude, wenngleich von zerbrochenen Fensterscheiben zernarbt, waren so solide konstruiert, dass sie trotz der in ihren Schornsteinen nistenden Vögel Bestand haben würden. Die Scheune mit ihren Stützbalken aus ganzen Baumstämmen würde dieses Jahrhundert überstehen und das nächste ebenfalls.
    Von den Gebäuden blätterte die Farbe ab und legte ein warmes Grau darunter frei, das hie und da einen rosagrauen Schimmer aufwies.
    Die Tigerkatze schnupperte in der Luft; tiefe Wolken und Nebel näherten sich rasch von Westen; sie glitten die Blue Ridge Mountains hinab wie Karamellsirup auf einem Eisbecher.
    Gewöhnlich ging Mrs Murphy nahe ihrer eigenen Farm auf Jagd. Oft wurde sie von Pewter begleitet, die ungeachtet ihres Umfangs eine eifrige Mäusefängerin war. Heute Abend wollte Murphy allein jagen. Dabei konnte sie so richtig abschalten. Sie liebte es, regungslos auf die Mäuse zu warten, die in den verrottenden Jutefuttersäcken umherhuschten und deren winzige Krallen auf den Balken des Heubodens umhertappten.
    Da sich niemand um die urquhartschen Scheunen kümmerte, war die Mäusejagd ausgesprochen ergiebig. Getrocknete Maiskörner und anderes Getreide zogen die kleinen Räuber ebenso an wie die Scheune selbst, die sich bestens für die Aufzucht junger Mäuse eignete.
    Ein modriges Kummet aus den späten 1930er-Jahren hing vergessen an der Wand der Gerätekammer; die Maultiere, die es einmal getragen hatten, waren längst in die ewigen Maultiergründe eingegangen.
    Mrs Murphy brach die Mäusejagd ab, um die Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erbaute Scheune zu inspizieren. Wie schön die Farm einst gewesen sein musste. Mrs Murphy war stolz auf ihre Kenntnisse der Menschengeschichte, die von den Zweibeinern in ihrem Aktualitätsbestreben oft vernachlässigt wurde. Außerdem, sinnierte sie, was heute aktuell ist, ist morgen aus der Mode.
    Wie die meisten ihrer Artgenossen blickte die Tigerkatze über den Tag hinaus.
    Ihr ureigener Mensch, Mary Minor Haristeen, genannt Harry, die junge, hübsche Posthalterin von Crozet, Virginia, interessierte sich sowohl für Geschichte als auch für das Verhalten der Tiere. Sie verschlang Bücher und hatte ihre Tierkenntnis am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg und dem Marion-DuPont-Scott-Zentrum für Pferdeforschung in Leesburg, Virginia, vertieft. Harry studierte sogar die Etiketten auf den Trockenfutterpackungen, um sich zu vergewissern, dass die Katzen mit genügend Nährstoffen versorgt wurden. Sie kümmerte sich mit Liebe und Sachverstand um ihre zwei Katzen, einen Hund und drei Pferde.
    Rings um die Gebäude brachen wie eh und je die Blumen hervor. Die riesigen Fliedersträucher erblühten jedes Frühjahr. So wurde der traurige Anblick der verfallenden alten Stätte durch die kräftige Flora gemildert.
    Die Katze trat aus der Scheune, betrachtete die zunehmenden Abendwolken und beschloss, nach Hause zu eilen, ehe der Nebel dichter wurde. Zwei Bäche und ein mittelhoher Hügelkamm bildeten die größten Hindernisse. Sie konnte die sechs Kilometer trabend in einer Stunde zurücklegen; in noch kürzerer Zeit, wenn sie rannte. Mrs Murphy konnte mühelos sechs Kilometer rennen. Ein gesunder Jagdhund brachte es auf sechzig Kilometer am Tag. So gern sie rannte, sie war heilfroh, kein Jagdhund zu sein. Oder überhaupt ein Hund. Mrs Murphy konnte Hunde gut leiden, betrachtete sie jedoch meistenteils als niedere Spezies, mit Ausnahme der Corgihündin Tucker, mit der sie zusammenlebte und die einer Katze beinahe ebenbürtig war. Das würde sie Tucker natürlich nicht auf die Nase binden … niemals.
    Sie trabte fort von dem magischen Ort, über die lang gestreckte, flache Weide, die Tally Urquhart einst als Flugplatz gedient hatte. In ihren Sturm-und-Drang-Jahren hatte sie die

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