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Der Traum des Satyrs

Der Traum des Satyrs

Titel: Der Traum des Satyrs
Autoren: Elizabeth Amber
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ihnen Dominic einen Abschiedsgruß noch erwartete dieser eine solche Geste. Niemand berührte ihn je freiwillig. Nicht, sobald man erkannte, was er war.
    Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging hinaus, und gleich darauf polterten seine Stiefel über die neun Marmorstufen vor dem Tempel. Die Geweihten hatten es so eilig, ihm aus dem Weg zu gehen, dass sie dabei ihre Besen fallen ließen und in ihrer Hast übereinanderstolperten. Vor dem Rest der Welt tarnte er sich, doch die Mitglieder seiner eigenen Gemeinde erkannten ihn als das, was er war.
    Die Tatsache, dass sie ihn so offensichtlich ablehnten – genau diejenigen, die er mit seinem Leben verteidigte –, hätte einen anderen Mann zerstört. Aber glücklicherweise war er schon lange gegen solche Verachtung abgehärtet. Doch dieses neue Kind erinnerte ihn daran, dass seine Tage als Beschützer gezählt waren.
    Jederzeit konnte er von Dämonen vernichtet werden – so wie die Statue, die jahrhundertelang vor diesem Tempel gestanden hatte und deren Überreste nun unter seinen Stiefeln knirschten. Und genauso wie die Statue würde er dann einfach hinweggefegt werden. Zugunsten des neuen Auserwählten.
    Bis dahin würde er weiterhin als Hüter des Bösen dienen. Einzigartig. Die wertvollste, zuverlässigste und bösartigste Waffe, die sein Volk besaß.
    Und wie bei jeder gut geschliffenen Waffe richteten seine Gedanken sich nun auf die ihm zugewiesene Aufgabe, also die Frau im Spiegel. Die Frau, deren ungeborener Sohn eines Tages den Handschuh tragen würde.
    Dominic ballte seine rechte Hand. Als er sie wieder streckte, schien der einzelne fingerlose Handschuh, den er trug, dahinzuschwinden und enthüllte anstelle von Fleisch und Blut eine verspiegelte Handfläche. Dominic schloss und öffnete seine Finger wieder, und die glatte Spiegelfläche, die das schreckliche Böse, das in ihr gefangen war, abschirmte, wurde ebenfalls unsichtbar.
    Als er an einem Soldaten vorbeikam, hob er die so getarnte Hand zu einem kurzen Gruß, der mit einem leichten Winken erwidert wurde. Etwa eine Meile später hielt er an und half einem Bauern dabei, seinen Wagen wieder aufzurichten, dessen Ladung verrutscht war und umzustürzen drohte. Der Bauer bedachte ihn mit herzlichem Dank. Der Mann versuchte sogar, ihm die getarnte Hand zu schütteln, eine Geste, die Dominic vermied.
    Zufrieden, dass er für jeden anderen als gewöhnlicher Satyr erschien, begab er sich in die unmittelbare Umgebung des Portals zwischen den Welten.
    Seine Gesichtszüge beließ er ungetarnt, doch wie üblich hatte er sie dergestalt mit einem Zauber belegt, dass jeder, der ihn sah, nur einen vagen Eindruck zurückbehielt und nicht in der Lage sein würde, sich später an ihn zu erinnern. Auf diese Weise konnte keine Abbildung oder Zeichnung von ihm angefertigt werden und in Hände gelangen, die ihm schaden konnten.
    Innerhalb von zwei Stunden hatte er das Regiment ausfindig gemacht, das in nächster Nähe des Portals kämpfte. Nach drei Stunden hatte er seine Hose und Jacke aus schwarzem Leder gegen die graue Regimentsuniform getauscht.
    Bis Sonnenuntergang hatte er den Ehemann der Frau kennengelernt, und innerhalb einer Woche verdankte der Mann ihm sein Leben.
    Bis der Vollmond nahte, war sein neuer Freund ganz vernarrt in ihn.
    Obwohl sein neuer Kamerad kaum von seiner Frau sprach, trug Dominic das Bild der stillen Szene, die er in dem Obsidianspiegel gesehen hatte, noch immer in sich.
    Emma.
    Sie hatte etwas in ihm geweckt, das er längst vernichtet geglaubt hatte. Etwas, das er in den hintersten Winkel seiner Seele verbannt hatte, wo seine Feinde es sich nicht zunutze machen konnten.
    Eine Sehnsucht.
    Obwohl er wusste, dass ein solches Gefühl eine Schwäche für ihn bedeutete, wuchs mit jeder Stunde sein Verlangen, ihr Gesicht und ihren Körper leibhaftig zu sehen und ihre Stimme zu hören. Mit jedem Feind, den er tötete – mit jeder Schlacht, die er ausfocht –, wurde seine Vorfreude auf die Nacht, in der er dieses reine, sanfte Geschöpf endlich berühren würde, noch stärker.
    Sie hatte keine Ahnung, was auf sie zukam.

2
    Weingut Satyr, Toskana, Italien
    Erdenwelt im Jahre 1837
    Verdammte Biester!«
    Es war Carlo.
    Emma hatte wartend gelauscht, ob er zurückkehrte, und sein Näherkommen an seinem häufigen Niesen ausgemacht. Er reagierte allergisch auf Lyons Panther.
    Diese hatten sich ihrerseits auch nie für ihn erwärmen können, in den anderthalb Jahren, seit Nicholas Carlo gefunden und

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