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Der stille Sammler

Der stille Sammler

Titel: Der stille Sammler
Autoren: Becky Masterman
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dem blöden Autoaufkleber stehen«, sagte ich in gedehntem Südweststaatendialekt, »aber es ist nicht ganz die Wahrheit.«
    Diesmal drehte Carlo sich zur Klasse um und nahm mich aufs Korn. Sein Grinsen schoss mir in die Lenden. »Nur weiter«, forderte er mich auf.
    »Meiner Erfahrung nach braucht man ungefähr ein Jahr, um zu sich selbst aufzuschließen, also muss man sich nie Gedanken machen, solange man in Bewegung bleibt.«
    Er fing wieder an zu blinzeln. Ich rechnete mit einer herablassenden Erwiderung, dann aber kehrte das Grinsen zurück. »Wer sind Sie?«, fragte er, mit Betonung auf »sind«.
    »Ich heiße Brigid Quinn.«
    »Wir sollten uns bei einem Abendessen über dieses Thema unterhalten, Brigid.«
    Die meisten Studenten kicherten. Schlauchtop grinste nicht. Sie blickte verärgert drein, weil sie von einer älteren Frau ausgestochen worden war.
    »Ich glaube nicht, dass das angemessen wäre, mitten im Semester«, sagte ich.
    »Zum Teufel damit«, erwiderte er. »Nach diesem Semester gehe ich in den Ruhestand.« Er war damals viel aggressiver mir gegenüber, und ich war viel aufrichtiger zu ihm – bis ich mich bei unserem ersten Date in ihn verliebte. Ich komme später darauf zu sprechen, wenn ich mich stark genug fühle.
    Noch im gleichen Jahr heiratete ich Carlo DiForenza und zog aus meinem Apartment in sein Haus im Norden der Stadt. Dieses Haus, mit Ausblick auf die Catalina Mountains, war von Carlos verstorbener Frau Jane im Stil meiner verrückten Tante Josephine eingerichtet worden, was so viel heißt wie: rot gefranste Lampenschirme und unechte belgische Tapisserien mit Darstellungen von Einhörnern. Im großen Garten hinter dem Haus saß eine lebensgroße Figur des heiligen Franziskus auf einer Bank. Aber das alles war in Ordnung. Ich hatte noch nie ein Haus oder eine Wohnung eingerichtet, und es passte wie eine vorgefertigte Überziehhülle zu der Sorte Mensch, die ich von nun an sein wollte.
    Zum Haus gehörten zwei Möpse, eine Art Kreuzung zwischen Peter Lorre und einer Bratwurst. Jane hatte Carlo die Hunde fünf Jahre zuvor geschenkt, kurz vor ihrem Krebstod. Sie hatte sich überlegt, dass es seinem Leben nach ihrem Dahinscheiden einen Sinn geben würde, wenn er sich um die Hunde kümmert. Wir waren fest entschlossen, die noch ausstehenden Namen für die beiden zu finden.
    Das Beste von allem aber war Carlo.
    Unsere Eheschließung war so schnell erfolgt, dass ich meine Mutter eine ihrer Plattitüden flüstern hören konnte: »Heirate in Eile, dann kannst du es in Ruhe bereuen.« Aber ich wusste, was ich wollte. Was genau ich hatte , war mir allerdings nicht ganz klar. Carlo kannte mich kaum, aber für mich war das okay, denn ich hatte nie ein anderes Leben kennengelernt. Man könnte jetzt einwenden, das sei nicht die Grundlage für eine gute Beziehung, aber ich hatte meine Lektion begriffen: Lass Gewalt und Tod hinter dir, und lerne, die perfekte Ehefrau zu sein.
    Jawohl, die perfekte Ehefrau. Das wollte ich von nun an sein.
    Auch Carlo brauchte seine Zeit. Er lernte, sich nicht von hinten an mich heranzuschleichen und mich zu umarmen. Er lernte, die Hand immer nur leicht an meine Wange zu legen, sodass ich mich dagegenlehnte, anstatt zu versteifen. Und er versuchte nie, die Gründe für meine instinktiven Kampf-oder-Flucht-Reaktionen aus mir herauszupressen. Ich weiß warum: Er war zu dem Schluss gekommen, dass es besser sei, diese Gründe nicht zu kennen.
    Allmählich wurde ich entspannter. Ich lernte, Carlo zu vertrauen, und das Leben war großartig – bis auf jene Augenblicke in schwärzester Nacht, wenn ich hochschrak, von Entsetzen gepackt, und wenn mein Herz raste vor Angst, dass Carlo mich verlassen könnte und dass ich alles verlöre, was ich endlich gefunden hatte.
    In jenem ersten Jahr liebten wir uns, gingen mit den Möpsen spazieren, bekochten uns mit Sushi und indischem Essen, schauten uns Filme an (ich fand zu meinem Erstaunen Gefallen an Independent-Produktionen, Carlo an Actionfilmen) und sammelten Steine.
    Das Steinesammeln mochte ich ganz besonders. Steine sind nicht nur hübsch, sie verändern sich auch nicht und sterben einem nicht weg. Meine Lieblingsstelle für das Steinesammeln war ein abgelegenes trockenes Flussbett ungefähr einen Kilometer von unserem Haus entfernt, unter einer Brücke, die zur Golder Ranch Road gehört. Der alljährliche Sommermonsun, der der Wüste binnen kürzester Zeit den gesamten Jahresniederschlag von fast achtundzwanzig Zentimetern

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