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Der stille Sammler

Der stille Sammler

Titel: Der stille Sammler
Autoren: Becky Masterman
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musste seine Botschaft direkter sein, unmissverständlicher. Okay, konnte sie haben. Er zupfte an der Schnur um seinen Hals und zog das in Plastik eingepackte Kondom hervor. Nicht, dass er es gebraucht hätte – es würde keine Beweise geben. Das Kondom sollte die Bräute nur glauben machen, er würde ihnen nichts tun.
    Die Frau musterte das kleine Päckchen, das nun über seinem T-Shirt hing.
    Vielleicht begriff sie jetzt.
    Ihre Augen weiteten sich.
    »Warum …?«, fragte sie.
    Ah, endlich spiegelte sich Angst auf ihrem Gesicht. Gerald wusste, dass diese Angst sie jetzt nicht mehr loslassen würde.
    Jetzt!
    Er grunzte, als er nach vorn sprang, ihr Handgelenk packte und ihr den Arm auf den Rücken drehte. Mit der anderen Hand riss er das Klebeband von seinem Hemd und presste es ihr auf den Mund.
    Die Frau schlug mit ihrem Gehstock nach ihm. Eigentlich war es mehr ein Holzstab, wie man ihn im Baumarkt kaufen konnte, leicht wie Balsa. Als der Stock Geralds Hüfte traf, spürte er es kaum. Er hielt sie fest gepackt.
    Jetzt kam der gefährlichste Teil: die fünfzig Meter zum Van. Wenn ein Wagen über die Brücke fuhr und der Fahrer zufällig nach unten schaute, würde er sehen, wie die Alte sich wehrte. Doch sie war klein und schwächer, als Gerald angenommen hatte. Seltsam, wo sie den Stein doch mit Leichtigkeit hochgehoben hatte. Na, egal. Jetzt konnte sie nur noch zappeln und strampeln, und das tat sie nach Leibeskräften. Gerald trat ihr in die Kniekehlen, sodass ihre Beine nachgaben; das machte den Rest des Weges einfacher.
    Ein kräftiger Stoß mit dem Knie in ihre Kehrseite, dann war sie im Lieferwagen und lag mit rollenden Augen auf dem ausgebreiteten Duschvorhang. Gerald sah, dass sie das getrocknete Blut unter dem Vorhang bemerkte. Das Klebeband hinderte sie am Schreien, während sie versuchte, sich an der Rückwand ganz klein zu machen, was Gerald die Gelegenheit verschaffte, die Türen des Wagens zu schließen und seine Beute einzusperren, bevor er mit ihr zu seinem Unterschlupf nach San Manuel fuhr, fünfundvierzig Minuten in nördlicher Richtung.
    Nun, da sie beide im Wagen waren, sicher und ungestört, nahm Gerald sich einen Moment Zeit, die Braut eingehender zu betrachten. Noch immer duckte sie sich verängstigt an die Rückwand. Offenbar saß der Schock bei ihr so tief, dass sie gar nicht ihre freien Hände bemerkte, mit denen sie das Klebeband vom Mund hätte reißen können. Ihr Hut war im Flussbett liegen geblieben. Ihre Haare, von denen Gerald anfangs nur die Spitzen unter der Krempe erspäht hatte, fielen in üppigen weißen Locken bis fast auf ihre Schultern.
    Eine Zeit lang war ihr keuchender Atem das einzige Geräusch im Van. Irgendwie war es ihr gelungen, den Stock festzuhalten. Nun hielt sie ihn auf Gerald gerichtet, ohne zu ahnen, dass das Ding ungefähr so bedrohlich wirkte wie ein Essstäbchen. Er streckte die Hand danach aus, die Handfläche nach oben gerichtet, und blickte ihr dabei in die Augen.
    »Gib mir den Stock. Komm schon, Süße. Gib mir den Stock. Ich tu dir nicht weh. Ich wollte nur, dass wir beide aus der Sonne sind. Damit wir ein bisschen über Steine plaudern können.« Er stieß ein schnaubendes Lachen aus, packte den Stock und sog scharf die Luft ein, als ein sengender Schmerz seine Hand durchzuckte. Er ließ den Stock los und starrte verwundert auf einen tiefen Schnitt, der von der Spitze seines Zeigefingers bis zum Handgelenk verlief. Blut sickerte aus der Wunde. Scheiße, wie war das denn passiert? Dann erst sah er, dass es kein einfacher Stock war, den die Braut in der Hand hielt. Es war ein Stock mit einer spitzen, abgeschrägten Klinge am Ende, ähnlich wie ein Teppichmesser.
    Er sah das Blut, bevor er den Schmerz spürte, und er spürte den Schmerz, bevor Wut in ihm aufstieg.
    Die Frau riss sich das Klebeband halb von den Lippen und verzog die Seite des Mundes, die nun freilag, zu einer Grimasse.
    *
    Ihre Gedanken rasten.
    In dem winzigen Augenblick, als sie beobachtete, wie der Schmerz sein Bewusstsein überschwemmte, wie er die Absurdität des Angriffs durch eine Frau verarbeitete, die eben noch paralysiert war von Angst, wie Wut ihn erfasste, während er seinen Gegenangriff einleitete, überschlugen sich ihre Gedanken.
    Das getrocknete Blut auf dem Boden des Vans verriet ihr, dass sie nicht die Erste war. Irgendwo hatte er Leichen versteckt. Es war zwar von Vorteil, dass sie sich in dieser Situation nicht an die Fesseln legaler Mittel wie Verhör und Verteidigung

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