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Der stille Sammler

Der stille Sammler

Titel: Der stille Sammler
Autoren: Becky Masterman
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anfing.
    Wie geil, dachte er. Wer weiß, wie lange sie keinen Ständer mehr gesehen hat. Vielleicht ist sie selbst ganz scharf, das alte Luder.
    »Alles klar hier unten?«, fragte er und scharrte lässig mit den Gummisohlen seiner Flipflops im Sand, um zu zeigen, dass er völlig entspannt war. Die Frau musste wieder ruhiger werden, bis er nahe genug an sie herankam. Nur keine Panik.
    Ihre Blicke huschten verstohlen an ihm vorbei – rechts, links, wieder rechts – und suchten mit der verzweifelten Inbrunst eines Gebets die Mesquitebäume an den Ufern des Flussbetts ab. Sie setzte zum Reden an, hustete und sagte krächzend: »Ja, danke.« Nervös scharrte sie mit dem Gehstock im Sand.
    »Verdammt heiß heute, was? Und obendrein ist Mittag«, sagte Gerald. »Sie könnten dehydriert sein, bevor Sie’s merken, und niemand ist in der Nähe.« Mit diesen Worten machte er einen weiteren Schritt vor, nicht direkt auf sie zu, sondern ein wenig nach rechts – wie ein Kojote, der leicht zur Seite weicht, während sein Instinkt daran arbeitet, wie er sich seiner Beute am besten nähern kann.
    Die Braut bestritt gar nicht erst, dass sie allein war. »Ich habe Wasser dabei«, sagte sie und deutete auf den Rucksack, der auf dem Felsblock lag. Als sie ein Motorgeräusch hörte, drehte sie den Kopf und schaute zur Brücke und auf das einsame Auto, das darüberfuhr. Mit einem flehenden Ausdruck blickte sie dem Wagen hinterher, bis er verschwunden war, machte aber nicht den Versuch, die Aufmerksamkeit des Fahrers zu erregen.
    Seltsam, dass die meisten von ihnen nicht um Hilfe schreien, ging es Gerald durch den Kopf. Als wären sie lieber tot als in der peinlichen Situation, sich geirrt zu haben.
    Die Frau drehte sich wieder zu ihm um. Sie wirkte erschrocken, als hätte sie Angst, zu lange weggeschaut zu haben. »Ich möchte weiter nach Steinen suchen. Bitte.«
    »Was ist mit den Steinen?«, fragte Gerald kopfschüttelnd und machte wieder einen Schritt auf sie zu, dieses Mal leicht nach links versetzt.
    »Ach, nichts. Ich interessiere mich bloß dafür.«
    »Sind Sie eine … wie nennt man das gleich?«
    »Geologin?«
    Wieder stand die Frau regungslos da, wie erstarrt. Gerald konnte sich beinahe vorstellen, wo sich ihre Zunge befand, nachdem das »N« verklungen war.
    Wieder ein Schritt näher, diesmal nach rechts. »Ja, genau«, sagte Gerald. »Geologin.«
    »Nein. Bitte, lassen Sie mich …« Sie stockte mitten im Satz, als hätte sie Angst, ihre schlimmsten Befürchtungen könnten Wirklichkeit werden, wenn sie Gerald anbettelte, oder als würden die Worte ihre Verwundbarkeit allzu deutlich machen.
    »’nen schönen Stein haben Sie da.« Gerald hatte sich immer näher an die Frau herangeschoben, während sie geredet hatten, rechts und links, wie die kleinen Rinnsale im Sand, links und rechts, damit sie es nicht vorzeitig mit der Angst zu tun bekam und stiften ging. Manchmal konnten selbst die älteren Bräute einen ganz schönen Sprint hinlegen, und es war viel zu heiß, um hinter ihr herzurennen.
    Doch die hier stand wie angewurzelt da, aufgeschreckt und unentschlossen zugleich, und hielt ihren Gehstock gepackt. Sie ließ Gerald bis auf einen Meter herankommen. Ihre Regungslosigkeit verunsicherte ihn. Dann erinnerte er sich, gelesen zu haben, dass Menschen vor Angst wie gelähmt sein konnten. Ja, die hier machte ganz den Eindruck. Vielleicht ließ sie sich einfach auf den Arm nehmen wie eine Schaufensterpuppe und zum Van tragen. Gerald stieß ein schnaufendes Lachen aus. Eine lustige Vorstellung. Das musste er ihr nachher, bevor er sich näher mit ihr beschäftigte, unbedingt erzählen.
    Die Hand der Frau, die den Stein hielt, bewegte sich unvermittelt. Sie packte den Brocken fester.
    »Der sieht schwer aus«, sagte Gerald. »Warten Sie, ich helfe Ihnen.«
    »Nein.« Sie dehnte das Wort, dass es wie eine Bitte klang.
    Dann war Gerald nah genug. Schnell wie ein Blitz überwand er die Distanz zwischen ihnen und schmetterte ihr den Felsbrocken aus der Hand, sodass sie ihm das Ding nicht auf den Fuß werfen konnte. Dann glitt er zwei schnelle Schritte zurück, um zu sehen, wie sie reagierte.
    Sie reagierte überhaupt nicht. Sie rührte sich nicht einmal.
    Scheiße, bekam die Alte denn gar keine Angst? Wenn sie keinen Schiss hatte, machte die Sache keinen Spaß. War sie nicht mehr ganz richtig in der Birne? Von wegen Altersschwachsinn und so?
    Gerald leckte sich die Lippen. Er hatte noch nie eine Schwachsinnige gehabt. Vielleicht

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