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Der Orden

Der Orden

Titel: Der Orden
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    Mittlerweile bin ich in Amalfi gelandet. Ich kann mich nicht dazu durchringen, nach England zurückzukehren – noch nicht –, und nach dem fremdartigen Ameisenhaufen, auf den ich in Rom gestoßen bin, ist es geradezu eine Wohltat, hier zu sein.
    Ich habe mir ein Zimmer in einem Haus an der Piazza Spirito Santo genommen. Unten ist eine kleine Bar, wo ich im Schatten des Weinlaubs sitze und Cola Light oder manchmal auch den hiesigen Zitronenlikör trinke; er schmeckt wie die mit Zitronenbrause gefüllten Bonbons, die ich mir als kleiner Junge in Manchester immer gekauft habe, nur zermahlen und mit Wodka gemischt. Der knurrige alte Barmann kann kein Wort Englisch. Schwer zu sagen, wie alt er ist. Die Blumenschalen auf den Tischen draußen sind mit Zweigbündeln gefüllt, die in meinen Augen verdächtig nach fasces aussehen, aber ich bin zu höflich, um ihn danach zu fragen.
    Amalfi ist eine kleine Stadt, die sich in ein Tal auf der sorrentinischen Halbinsel schmiegt. Schwalbennestern gleich wurden die Ortschaften an der Küste in die steil aufragenden Kalksandsteinfelsen gebaut. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, an einer senkrechten Fläche zu leben: Über öffentlich zugängliche Treppenwege gelangt man bis zum nächsten Ort. Nichts in Italien ist neu – im Mittelalter war Amalfi eine Seerepublik –, und doch fehlt hier jene Aura des ungeheuren Alters, die in Rom so bedrückend wirkte. Aber dennoch – vieles von dem, was den Horror in Rom ausmachte, ist auch hier, überall um mich herum.
    In den engen Kopfsteinpflasterstraßen herrscht ständig reger Verkehr; es wimmelt von Autos und Bussen, Lastwagen und schnellen Mofas. Italiener haben einen anderen Fahrstil als Nordeuropäer. Sie fahren einfach drauflos: Sie wuseln durcheinander, wie Peter McLachlan gesagt hätte, eine Vielzahl von Individuen, die sich darauf verlassen, dass sie dank der ungeschriebenen Gesetze der Masse schon irgendwie durchkommen werden.
    Und dann sind da die Menschen. Direkt gegenüber von meiner Bar ist eine Schule. Wenn die Kinder gegen Mittag entlassen werden – nun, auch sie wuseln durcheinander; es gibt wirklich kein anderes Wort dafür. Aus Leibeskräften schreiend, strömen sie in ihren hellblauen, kittelartigen Uniformen auf die Piazza. Aber das ist rasch wieder vorbei. Wie Wasser, das durch ein Sieb rinnt, verschwinden sie nach Hause oder in die Cafés und Bars, und der Lärm verebbt.
    Und natürlich die Familien. Vor denen gibt es in Italien kein Entrinnen.
    Amalfi war einmal ein Zentrum der Hadernpapierherstellung, eine von den Arabern übernommene Technik. Früher standen hier sechzig Papiermühlen. Heutzutage gibt es nur mehr eine, aber die beliefert noch immer den Vatikan, sodass jeder päpstliche Erlass für die Ewigkeit auf säurefreiem Hadernpapier aufgezeichnet werden kann, das inzwischen sogar fein genug für Computerdrucker ist. Und diese übrig gebliebene Amalfi-Mühle wird nun bereits seit neunhundert Jahren ununterbrochen von derselben Familie betrieben.
    Die wuselnden Menschenmengen, die gedankenlose Ordnung der Masse, die kalte, starke Hand alter Familien: Selbst hier sehe ich die Koaleszenten vor meinem geistigen Auge, wohin ich auch schaue.
    Und ich sehe wieder diesen ungewöhnlichen Krater, der mitten auf der Via Cristoforo Colombo entstand und über dem noch immer die Wolke grauschwarzen Kalktuffstaubs hängt. Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften – Handys, Kaffeetassen und Zigaretten in der Hand – spähten in das Loch, das sich plötzlich in ihrer Welt aufgetan hatte. Und die Drohnen strömten nur so aus dem Krater, in verblüffender Zahl, zu hunderten und tausenden. Inmitten der Staubwolke sahen sie alle identisch aus. Selbst jetzt haftete ihnen eine gewisse Ordnung an – aber niemand führte sie. Die Frauen am Rand drängten ein paar Schritte nach vorn, sahen die glotzenden Büroangestellten um sie herum verständnislos an, drehten sich dann um, verschwanden wieder in der Menge und wurden von anderen ersetzt, die ihrerseits nach vorn drängten. Als die hervorströmende Menge den Straßenrand erreichte, zerfiel sie, bildete Stränge, Ranken und Linien von Menschen, die vorstießen, sich auflösten und neu zusammenfanden und wimmelnd und forschend in Türöffnungen und Gassen eindrangen. Im staubigen Licht schienen sie zu einer einzigen wogenden Masse zu verschmelzen, und selbst in der strahlenden Helligkeit des römischen Nachmittags sonderten sie einen moschusartigen

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