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Der Nobelpreis

Der Nobelpreis

Titel: Der Nobelpreis
Autoren: Andreas Eschbach
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KAPITEL 1
    Das bestgehütete Geheimnis Schwedens, sagt man, sei das Menü des Nobelbanketts.
    Entwickelt wird es jedes Jahr in einer umständlichen, sich über Monate hinziehenden Prozedur von der Förening Årets Kock, jener Gesellschaft, die auch den schwedischen Koch des Jahres kürt. Nach zahlreichen Probeläufen und Konferenzen findet im Oktober schließlich ein mehrstündiges Testessen mit sechs Vertretern der Nobelstiftung statt, in dessen Verlauf vier Menüvorschläge getestet werden. Diese Kommission ist es, die die endgültige Entscheidung trifft – und schweigt. Das Einzige, was immer feststeht, ist, dass es zum Nachtisch Eis gibt. Doch bis zum Abend des 10. Dezember erfährt niemand außerhalb dieses kleinen Kreises Eingeweihter, welche Sorte.
    Das Nobelmenü des vergangenen Jahres kann man, wenn man will, das ganze Jahr über im Rathauskeller bestellen, und es ist mit umgerechnet etwa hundertdreißig Euro pro Person für schwedische Verhältnisse nicht einmal übertrieben kostspielig. Für etwas mehr als das Fünffache dessen kann man ein Gedeck des eigens für das Nobelbankett entwickelten Service erstehen, bei dem – abgesehen vom Weiß des Porzellans – Gold und ein kräftiges Grün dominieren. Das sechsteilige Besteck ist teilweise vergoldet, das Fischmesser hat ein verspieltes grünes Auge, und vier Gläser mit vergoldetem Stiel gehören ebenfalls ins Set.
    Doch kein Geld der Welt bringt einen näher an das Eigentliche heran: das wirkliche, wahrhaftige Nobelbankett, die exklusivste Tafel, die vorstellbar ist. Nur Genie oder Glück, am besten aber beides, können einem dazu verhelfen, zugegen zu sein, wenn geehrt wird, was nach Auffassung einer Institution, die in den über hundert Jahren ihrer Existenz zum Mythos geworden ist, die größten intellektuellen und wissenschaftlichen Leistungen der Menschheit sind.
    Am Abend der Abende, nach Beendigung der Preisverleihung im Konzerthaus am Hörtorget, ist die Zufahrt zum Stadshuset, dem 1923 erbauten gewaltigen Rathaus am Mälarsee, von Fackeln erleuchtet. Die Preisträger fahren in Limousinen vor, viele der anderen geladenen Gäste ebenfalls, aber nicht wenige kommen auch zu Fuß. Königlicher Glanz liegt über der Szenerie. Man wird mit Handkuss begrüßt, mit Verbeugungen und Knicksen, und selbst hartgesottene Republikaner fühlen sich durch das uralte höfische Zeremoniell gerührt. Während die Nobelpreisträger und andere Ehrengäste in der Prinzengalerie von den Mitgliedern der königlichen Familie, die das Stadthaus über einen eigenen Seiteneingang betreten haben, begrüßt werden, warten die übrigen Gäste im Foyer, bis sie um 18 Uhr 30 Platz nehmen dürfen an den gedeckten Tischen im Blauen Saal, der in Wirklichkeit überhaupt nicht blau ist. Seine hohen, von Zierglasfenstern durchbrochenen Wände aus Ziegelsteinen in verschiedenen warmen Rottönen, die scheinbar leicht auf den Pfeilern eines umlaufenden Säulengangs ruhen, verraten, dass der Architekt des Stadshuset von der venezianischen Architektur beeinflusst war; hätte der Raum kein Dach, er wäre eine wundervolle Piazza. Geplant war, die handgefertigten Backsteine mit polierten blauen Ziegeln abzudecken, doch der Architekt verwarf diese Idee während des Baus. Trotzdem hat sich der Name der Halle gehalten.
    Um 19 Uhr öffnet sich die große dunkle Tür oben am Ende der Galerie aus Granit. Von hier aus geht es fünfzig Schritte auf der Balustrade über den Doppelsäulen bis zur marmornen Treppe, die in die Halle hinabführt. Fanfaren ertönen, die Orgel unter dem Dach erklingt, mit zehntausend Pfeifen und 138 Registern eine der größten Skandinaviens, und der schwedische König schreitet voran, eine Nobelpreisträgerin geleitend, falls eine Frau unter den Preisträgern ist, ansonsten traditionell die Gattin des Physiknobelpreisträgers an seiner Seite. Sie bilden die Spitze dieser Prozession der Erlauchten, die die Treppe hinabsteigen zu den gewöhnlichen Sterblichen, zu Verwandten und Freunden der Preisträger und zur Jugend, die jedes Jahr durch etwa 250 Studenten aller schwedischen Universitäten repräsentiert wird. Diese haben über ein Losverfahren das Anrecht erworben, umgerechnet hundert Euro für ihr Ticket zu bezahlen und mit den schlechtesten Plätzen, denen unterhalb der Arkaden, vorlieb zu nehmen. Sie tragen elegante Anzüge oder Kleider, weiße Kappen und Schärpen in gelb-blau, den Farben Schwedens.
    Die königliche Familie, die Nobelpreisträger und die übrigen
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